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Andrea Jungmann

Geschäftsführerin von Sotheby’s Österreich, Ungarn und Polen

In einer Klosterschule wurde Andrea Jungmann von einer Nonnen im Zeichnen unterrichtet und war sich von da an sicher, dass sie Künstlerin werden wollte. Nach der Matura reiste sie für drei Monate zu ihrer Tante nach Johannesburg und besuchte dort einen Kunstkurs, um ihre Fertigkeiten zu verbessern. Dieser Kurs sei für sie, mit dem recht begrenzten kunsthistorischen Wissen und künstlerischen Fähigkeiten, die sie in der Klosterschule erlernt hatte, eine Erleuchtung gewesen. Wieder zurück in Österreich entschied sie sich nichtsdestotrotz zunächst für ein Studium der Geschichte und Archäologie in Wien. „Da habe ich aber nichts gemacht“, denn ihr eigentlicher Wunsch war es immer noch, Künstlerin zu werden. 

Mit diesem Ziel vor Augen reichte sie einige Monate später schließlich eine Bewerbungsmappe an der Kunstakademie in Wien ein. Im Laufe des Bewerbungsverfahren tauschte sie sich mit anderen Bewerber*innen in einem kleinen Café gegenüber der Akademie aus. „Die waren alle so richtige Künstler*innen.“ Mit Blick auf die anderen Mappen, habe sie dort feststellen müssen, dass sie nicht bedingungslos nur für die Kunst lebe und ihr das Kunst machen bei Weitem nicht so viel bedeute, wie den Anderen vor Ort. So entschied sie sich gegen die praktische Seite der Kunst und für ein Studium der Kunstgeschichte in Wien. 

Jungmann erzählt aus ihrem Wiener Studium: Es habe damals beispielsweise kein Skript in Vorlesungen gegeben, man habe einfach alles mitschreiben und im Anschluss die gezeigten Werke in der Bibliothek einzeln nachschlagen müssen. „Das war ein Wahnsinnsaufwand.“ Zur Erleichterung dieser Recherche, erstellten Studierende immer wieder Schwarz-Weiß-Kopien der behandelten Werke. Diese hätten aber nur bedingt geholfen. „Das war dann die fünfte Kopie von der fünften Kopie.“ Heute könne man sich so ein Vorgehen beim Lernen kaum noch vorstellen. Die Bildbetrachtung sei dadurch sicher eine andere gewesen. Man habe sich mehr auf Details konzentriert, um präziser die Unterschiede zwischen Werken ausmachen zu können. „Wenn da fünf Verkündigungen sind, wie soll man das sonst machen. Von der Farbe her konnte man es ja nicht unterscheiden.“ Sie muss lachen, als sie uns erzählt, dass genau diese Vorbereitung bei ihrer Diplomprüfung nicht förderlich war. „Ich habe da natürlich nichts erkannt. Das war auf einmal alles in Farbe und so viele Details.“ Erst bei den Exkursionen habe sich die Kunst vor ihren Augen entfalten können, „da war es dann um mich geschehen.“ 

 

Dennoch ein wenig gelangweilt von ihrem Kunstgeschichtsstudium bewarb sie sich im September 1989 für einen Platz am Institut für Kulturmanagement (IKM) in Wien. „In diesem September ’89 hat sich in meinem Leben alles geändert.“ Denn zur gleichen Zeit sah sie durch Zufall einen Fernsehbeitrag über das Auktionshaus Sotheby’s. „Ich habe das gesehen und mir gedacht: das ist es. […] Ich wollte raus in den Kunstmarkt”, mit Kunstwerken arbeiten und einen spannenden und abwechslungsreichen Job haben. Ihr Entschluss stand fest und so ging sie zur Wiener Dependance von Sotheby’s und stellte sich vor. Spontan wurde ihr ein unbezahlter Job angeboten. Sie aber lehnte ab, denn für die anderen studentischen Jobs, die sie bisher gemacht hatte, habe sie immer Geld erhalten. Die damalige Geschäftsführerin von Sotheby’s Österreich, Frau Dr. Agnes Husslein, erwiderte darauf: „Na, da machen wir das anders. Fangen Sie nächsten Montag an und dann wird das bezahlt.“ Jungmann zögerte kurz; neben einem Vollzeitstudium auch einen Vollzeitjob anzunehmen, dass sei ziemlich viel gewesen. Trotz „lächerlicher Bezahlung“ sagte sie schließlich zu. Den Job bei Sotheby’s beginnend, verlagerte sie daraufhin ihren Wohnsitz von ihrem Heimatstadt in die Wiener Innenstadt.

Als zudem noch die Zusage vom IKM eintraf, war ihre Freude erst einmal ein wenig gedämpft. Zwei Studiengänge und einen Vollzeitjob - das klang nach jeder Menge Arbeit. „Ich glaube ich war damals extrem naiv. Ich habe das einfach alles gemacht.“ Zwei Jahre lang sei ihr Leben der volle Wahnsinn gewesen. „Ich bin dann am Nachmittag wie eine Wahnsinnige auf dem Radl zum IKM und habe mich in die Vorlesung geschmissen, bin dann Abends wieder ins Büro und hab weiter gearbeitet.“ Ihr Kunstgeschichtsstudium habe sie zunächst einmal hinten an gestellt und erst wieder 1992 aufgenommen. Der Abschluss am IKM sei letztlich aber machbar gewesen. „Das war damals lächerlich. Wir hatten keine Prüfungen, wir haben nur eine Abschlussarbeit geschrieben. Für mich war das ein leicht verdienter Abschluss.“ Die Zeit am IKM habe sie aber, trotz des Stresses, sehr genossen. Im Besonderen die dort geknüpften Kontakte seien für sie bis heute noch von Nutzen. Deshalb rät Jungmann rückblickend: „Man muss einfach die Chancen nutzen und tun.“ Das Ziel könne sich dabei zwar stetig ändern, aber wenn man einfach weiter gehe, dann würde man schon ankommen. Dass zwischen all diesen Tätigkeiten ihre geplante Doktorarbeit zu den frühen Arbeiten Jackson Pollocks nicht auch noch Platz fand, scheint im Nachhinein plausibel.

 

In ihrer ersten Zeit bei Sotheby’s sei sie Mädchen für alles gewesen. So habe sie beispielsweise Tage lang tausende von Einladungen vorbereitet. Jedoch sei ihr „das […] vollkommen wurscht gewesen, weil an der Wand eine Schiele-Zeichnung, eine Klimt-Zeichnung, ein kleiner Picasso stand. Ich habe da gesessen und mir gedacht: Besser geht es gar nicht, voll cool.“  Die Arbeit sei damals auf Grund der mangelnden Digitalisierung wesentlich aufwändiger und herausfordernder als heute gewesen. „Am Anfang haben wir noch keine E-Mails geschrieben. Wir hatten das erste Fax. Wow. […] Wir haben einen Brief geschrieben, ausgedruckt, ins Fax gesteckt und […] dann hat man gewartet, dass irgendwann wieder ein Fax kommt.“ Zudem habe sie für Kunstbewertungen Polaroids der Werke erstellen müssen, weil eine normale Entwicklung schlichtweg zu lange gedauert hätte. „Das muss eine Lawine gekostet haben. Aber damals hat Geld keine Rolle gespielt - außer bei der Bezahlung der Mitarbeiter*innen”, fügt Jungmann schmunzelnd hinzu. Inzwischen sei es vielmehr so, dass Kund*innen unmittelbar eine Antwort auf ihre E-Mails erwarten.
 

Nach zwei Jahren langweilte es sie, stets das Gleiche zu machen. „Ich bin jemand, ich brauche immer Abwechslung.“ So schaute sie sich nach anderweitigen Jobangeboten um. Letztlich führte ihr dies vor Augen, dass sie bereits das machte, was sie gut fand. „Ich bin dann zur Chefin gegangen und habe gesagt: irgendwie ist es gerade fad und ich verdien’ zu wenig und eigentlich könnte ich ja woanders hingehen […] dann hat sie gesagt: okay, verdienst’e halt ein bissle mehr.
 

Als dann 1994 der Star-Auktionator Tobias Meyer zu der Wiener Dependance wechselte und er sie zwei Mal im Jahr für je einen Monat mit nach London und ab 1997 nach New York zur Katalogisierung von Werken nahm, war sie erst einmal wieder zufrieden. „Ich habe da eigentlich drauf gezahlt […], aber es war für mich einfach super. Ich habe viel gelernt, das war spannend. Ich habe die Städte geliebt. New York mehr als London.“ In London u.a. seien die Auktionen von Sotheby’s, an denen sie noch heute regelmäßig teilnehme. Herzrasen bekäme sie dabei immer noch. Im Besonderen, wenn das Objekt von einem*r ihrer Kund*innen sei. „Es ist eigentlich immer spannend. […] Da sitzt man da und dann kommt ein Angebot und man denkt sich: bitte mehr, bitte mehr, bitte mehr.“ Jungmann ist selbst als Auktionatorin bei ihren eigenen Charity-Auktionen in Wien tätig. „Das macht mir extrem viel Spaß.“

 

Nach weiteren vier Jahren bei Sotheby’s wurde es 1998 dann erneut Zeit, „ich wurde unruhig.“ Und so wurde sie dank ihres Engagements und ihrer Arbeit zum Deputy Direktor befördert. Der neue Titel brachte neue Aufgaben mit sich. Die Betreuung von Gebieten und Kund*innen wurde unter anderem umfangreicher. „Ich bin selbstsicherer geworden, man konnte mich irgendwohin schicken, ohne sich schämen zu müssen“, sagt sie grinsend. 

 

Im Herbst 1999 erhielt Jungmann ein Angebot für eine Stelle als Expertin in der Londoner Niederlassung. Sie überlegte anzunehmen; es war schließlich eine wunderbare Chance. Doch ihre Londoner Chefin riet ihr: “Du wärst perfekt geeignet, aber überlege es dir gut, weil, wer weiß, was für Chancen in Wien sind.“ Zur selben Zeit gab es nämlich Veränderungen im Wiener Büro, die bisherige Leiterin der Niederlassung verließ das Unternehmen relativ kurzfristig. Zurück in Wien rief ein paar Tage später das Londoner Büro an und teilte Jungmann mit, dass sie Managing Director werden würde. „Und ich war überrascht und für’s Erste sprachlos, dann habe ich gesagt: ich weiß nicht, ob ich das kann.“ Um sich zu beweisen, erhielt sie ein Jahr und lehnte die Stelle in London ab. Zu Beginn sei es komisch gewesen, doch dank der langen Zeit, die sie bereits in Wien arbeitete, hatte sie viel gelernt. Sie veränderte das Team, machte ihren Job und setzte sich durch. „Das war das härteste Jahr, das ich je in diesem Job hatte.“ Aber es funktionierte. Und so wurde sie 2000 dann offiziell Geschäftsführerin von Sotheby’s Österreich und vier Jahre später sogar Senior Director. Dies sei aber nur ein Titel „,den ich netterweise bekommen habe, weil diese ersten vier Jahre extrem erfolgreich waren.“ Es sei zwar hilfreich, so einen Titel zu haben, aber letztlich habe sie keine größeren Vorteile davon. 

 

Die Aufgaben in dem regionalen Büro von Sotheby’s seien vielfältig. Jede*r Mitarbeiter*in betreue diverse Gebiete, um nicht nur auf ein Themengebiet beschränkt zu sein, und erledigt auch alle dazugehörigen logistischen und administrativen Aufgaben. „Wir sind die Allrounder.“ Das übergeordnete Ziel sei dabei stets, Kunst und wertvolle Objekte zu finden und diese zu verkaufen. Dazu sei es wichtig, in ständigem Austausch mit Kund*innen und Expert*innen zu stehen. Jungmann und ihre Kolleg*innen schätzen Kunstwerke, akkreditieren neue Kund*innen mittels Events und betreuen Käufer*innen. Sie etablieren Vorträge und Ausstellungen wie die Artist Quarterly, organisieren Transporte, erstellen Kaufverträge und verhandeln Kommissionen. „Das ist sehr umfassend: Alles was Kauf und Verkauf von Kunst betrifft.“ Dies alles geschieht in stetigem Austausch mit New York, London, Ungarn und Polen. Trotz ihrer Vorliebe zum Reisen habe sie aber für Ungarn und Polen zwei Beraterinnen engagiert.

 

Obgleich sie schon über 30 Jahre bei Sotheby’s arbeitet, ihre Begeisterung für Kunstwerke und ihren Job habe sie nie verloren. Wenn sie von Schiele, Klimt oder Picasso spricht, glänzen ihre Augen, ihre Stimme überschlägt sich fast vor Freude. Jungmann scheint angekommen zu sein. „Ich kann machen, was ich will. Ich bin sehr selbstständig. Ich habe so viel Wissen, dass ich eigentlich alles machen kann. Es macht Spaß, es ist abwechslungsreich.“ Vor allem die Reisen und die Kontakte, die sie dadurch knüpfen kann, begeistern sie. Sie strahlt, wenn sie erzählt, wie sie zur Eröffnung der Biennale nach Venedig reisen durfte, um dort Kund*innen zu treffen. „Das ist mein Job, so ein Glück muss man mal haben. […] Das ist ein Geschenk, warum soll ich das weggeben? […] Das ist einfach zu gut.“ Für ihren Job brauche man aber eine gewisse Liebe, denn Überstunden werden nicht bezahlt. Man müsse auch nach Feierabend zu Terminen und immer spontan sein. Sie selbst habe das aber nie als problematisch empfunden.

 

2007 bekam sie Zwillinge und selbst dann sei sie die ganze Zeit für ihre Kolleg*innen erreichbar gewesen. Sotheby’s bot ihr als Arbeitgeber in dieser Situation viel Freiheit. Sie habe selbst bestimmen können, wie sie sich die Zeit einteile. Zunächst entschied sie sich für sechs Monate Elternzeit. Danach kam sie mit zwanzig Stunden wieder. Nach den ersten drei Monaten arbeiten, stellte sie fest, dass dieses Konzept mit zwei Kindern daheim nicht funktionierte. So entschied sie sich für weitere drei Monate Elternzeit und begann dann für die ersten zwei Jahre, vier Tage die Woche zu arbeiten. „Das war kein Problem. […] Das war nie eine Diskussion“ - zumindest nicht in ihrer Position. Doch mit Kind innerhalb der Firma aufsteigen zu wollen, das sei immer noch eine große Herausforderung. Wenngleich sich Sotheby’s Gleichstellung hoch auf die Fahne schreibe. Vor allem seit es vor zwei Jahren eine Studie gegeben habe, die die Gleichberechtigung in britischen Auktionshäusern untersucht habe. „Das war nicht so toll. Sotheby’s war zwar besser, aber nicht gut.

 

Wir haben Jungmann gefragt, wie sie die Rolle von Auktionshäusern im Kunstmarkt betrachtet. Der Einfluss dieser sei ihr zufolge in den letzten Jahren immens gewachsen. Das bringe von Seiten der Galerien und Kunsthändler*innen aber nicht nur Lob ein, „weil wir teilweise auch in ursprünglichen Geschäftsbereichen tätig werden.“ Auktionshäuser seien sehr breitgefächert aufgestellt: von Auktionen, Privatverkäufen, Materialuntersuchungen, Provenienzforschung bis hin zu Ausstellungen und Transporten. Die Aufgabenbereiche würden weiterhin wachsen. Sotheby’s gehe aktuell in den Luxury-Bereich über und verkaufe Sneaker und Handtaschen. „Die Leute kaufen das wie wahnsinnig.“ Deshalb werde das US-amerikanische Buy Now Prinzip, eine Art Amazon für Kunst und Luxusartikel, in naher Zukunft außerdem in Europa etabliert. Zudem bieten lediglich Auktionshäuser die Transparenz von Verkaufspreisen im Internet. „Ich glaube, das unterscheidet uns sehr vom Primärmarkt und macht uns zu einem wichtigen PLayer, auch wenn wir dafür manchmal kritisiert werden.“ 

 

Auch dieses Mal haben wir für euch nachgehorcht, was ihr tun könnt, wenn ihr euch für die Arbeit bei einem Auktionshaus interessiert. Jungmann rät in jedem Fall zu einem Praktikum. „Alle meine Mitarbeiter*innen sind Praktikant*innen.“ Man müsse nur etwas aus seinem Praktikum machen: Interesse zeigen, sich einbinden und dann könne man schauen, ob es einem*r gefalle.

 

Mit dieser abschließenden Empfehlung bedanken wir uns herzlich bei Andrea Jungmann und hoffen, dass sie alsbald eine Gouache von Schiele in ihrem Wohnzimmer hängen hat und vielleicht doch Zeit für eine Doktorarbeit finden wird!

- Hannah Steinmetz, veröffentlicht am 19. März 2021