Dr. Annekathrin Kohout

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Redakteurin, Mitherausgeberin und freie Autorin 

© Robert Hamacher

Können Sie mich gut hören und sehen? schallt es uns freundlich und gut gelaunt entgegen. Dr. Annekathrin Kohout ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen im Bereich der Germanistik, Redakteurin der Zeitschrift POP. Kultur und Kritik und der Online-Webseite pop-zeitschrift.de, Mitherausgeberin der Buchreihe Digitale Bildkulturen und freie Autorin. Was haben K-Pop, die Figur des Nerds und der Slogan so frisch, so gut mit Kohout und ihrem Werdegang zu tun? Das wird sich schon in Kürze zeigen.  

 

Nach dem Abitur wollte Annekathrin Kohout unbedingt studieren. Sie wollte weg von Zuhause, ein eigenes Leben beginnen. Woher das gekommen sei, wisse sie als Kind einer eher bildungsfernen Familie nicht mehr. Der ursprüngliche Wunsch, Kunst zu studieren scheiterte. Wenigstens wollte sie sich einfach irgendwo einschreiben. „Am besten in ein Fach, das noch am ehesten mit mir und mit meinen Interessen zu tun hat.“ Ihre Entscheidung fiel auf die TU Dresden, wo sie mit ihren noch jungen 18 Jahren ihr Studium der Germanistik im Hauptfach und Kunstgeschichte im Nebenfach anfing.  „Und dann hat es mir wirklich wahnsinnig gut gefallen.“ Was als Notlösung begann, löste zunehmende Begeisterung in ihr aus. 

Schon immer sei Kohout ein visueller Mensch gewesen, weswegen sie sich letztlich dazu entschied, zu Kunstgeschichte im Hauptfach zu wechseln. Mit der Zeit fand sie aber die Studieninhalte in Dresden zu traditionell. Nachdem sie bereits in Dresden ihren Bachelor abgeschlossen und den Master begonnen hatte, beschloss sie, das Studium andernorts zu beenden. Der Kommentar eines Dozenten bestärkte ihre Entscheidung: „Also mit Ihren Themen, Frau Kohout, wird es aber schwer sein, Karriere zu machen, weil in der Kunstgeschichte läuft das nicht so.

Mit der HfG Karlsruhe fand sie schließlich eine Hochschule, an der sie ihre Schwerpunkte vertreten sah. Die Hochschule für Gestaltung, wo sie Kunstwissenschaft und Medientheorie, Philosophie und Ästhetik im Magister studierte, sei eine besondere Universität gewesen, weil dort Theorie und Praxis zusammen kamen. Da sie stets eine Neigung zum praktischen Arbeiten hatte, erschien ihr die Universität ideal. Unter den praktischen Fächern sei auch Fotografie gewesen, woran sie so große Freude hatte, dass sie parallel ein Studium der Fotografie an der HGB Leipzig begann, während sie noch an der HfG Karlsruhe zu Ende studierte. Nach zwei Jahren brach sie das Studium in Leipzig allerdings ab. Grund dafür sei die Feststellung gewesen, dass sie sich doch immer noch am besten mit dem Schreiben ausdrücken könne. „Aber es war trotzdem eine tolle Erfahrung und ich muss auch ehrlich sagen, ich bin im Nachhinein froh und dankbar, dass ich diese Erfahrung gemacht habe, dass ich auf diese Weise lernen konnte, was es bedeutet, an einer Kunsthochschule zu studieren, welche Fragen sich in der Erarbeitung von einem Kunstwerk stellen. […] Ich habe es nicht bereut.

 

Eine berufliche Vorstellung hatte sie damals nicht. „Es gab ein Spektrum von Tätigkeiten, die ich mir vorstellen konnte. Ich habe mich aber oft auch nicht getraut, mir viel vorzustellen. Ich habe gedacht, […] an der Uni arbeiten, das wird mir wahrscheinlich eh nie möglich sein, deswegen denke ich lieber gar nicht erst darüber nach.“ Dennoch oder vielleicht gerade deswegen hat sie stets viel Neues ausprobiert. 

Als besonders hilfreich habe sich zum einen ein von ihr mitgegründeter Offspace in Dresden erwiesen, über den sie später an größere Projekte gekommen sei. Zum anderen war vor allem ihr Blog wegweisend, mit dem sie sich einen Ort für ihre Themen geschaffen habe, und so ihre Betrachtungsweise auf bestimmte Dinge zeigen konnte. 2015 startete Kohout ihren Blog Sofrischsogut.com, den sie bis heute betreibt. „Ich hatte ehrlich gesagt immer schon Blogs in meinem Leben. Schon als Teenager, aber immer anonym. Zum Glück.“, erzählt sie uns lachend. „Ich hatte immer schon den Drang, bestimmte Gedanken zu teilen.“ Wieso sie sich dieses Mal entschied, ihren Blog nicht anonym zu betreiben? Sie habe privat viel Zuspruch für ihre Texte erhalten. Allerdings hatte auch Kohout, wie viele von uns, Zweifel an ihrer eigenen Leistung. „Ich dachte, es kann cool sein, aber es könnte auch eigentlich ziemlich schlecht sein. Ich wusste wirklich nicht so richtig, wie ich das selber einordnen soll.“ Glücklicherweise gab es genügend laute Stimmen, die Kohout überzeugen konnten, sodass sie entschloss: „Komm, jetzt mach ich das einfach.

Letztlich war das genau die richtige Entscheidung, viele ihrer Themen seien sehr speziell, „und dann muss man sich […] seinen eigenen Ort schaffen, wenn man es zeigen will.“  Auch wenn die Community zunächst noch sehr klein gewesen sei, habe ihr der Austausch mit den Followern immer große Freude bereitet und am Ende sei das Feedback natürlich auch in die weitere Arbeit mit eingeflossen. „Das war eine gute Chance und es hat mir auch einfach Spaß gemacht.“ Und was ist mit der Geschichte hinter dem Namen? „Ich komme aus einer Fleischerfamilie, deren Slogan war: So frisch, so gut – Kohout. Als Andenken an meine Großeltern habe ich den Slogan übernommen, aber er beschreibt auch meine Tätigkeit als Autorin sehr gut.“ Mit den Jahren habe sich die Bedeutung ihres Blogs verschoben. Ihre Texte schreibt sie nur noch selten ausschließlich für den Blog. „Der Blog ist zu einer Plattform für alle meine Tätigkeiten geworden. Natürlich gibt es noch immer originäre Beiträge, aber oft sind es auch Zweitveröffentlichungen […].

 

Eigeninitiative habe eine entscheidende Rolle auf ihrem Weg zur freien Autorin gespielt. Das erste Mal habe sie für eine Zeitung geschrieben, als sie noch in Dresden studierte. Dafür sei sie proaktiv auf eine Bekanntschaft vom Stadtmagazin zugegangen. Nach dem ersten eher einfachen Probetext, habe sie dort schon bald regelmäßig schreiben können. Professioneller wurde es dann mit ihrem Wechsel nach Karlsruhe. Eines der für Karlsruhe typischen praktisch ausgerichteten Seminare war in Kooperation mit dem Kunstmagazin art. Damals hatte das Magazin noch eine Website, auf der die Seminarteilnehmer*innen am Endes des Semesters jeweils eine kleine Kolumne veröffentlichten. Über diesen Kontakt gelang es Kohout viel für art online zu schreiben. Nun, wo sie auch schon etwas vorzuweisen hatte, war der Einstieg geschafft. „Das verselbständigt sich dann erstaunlich gut. […] Wenn man viel gemacht hat und für bestimmte Themen bekannt ist, dann kennen einen die Redakteure und Leser immer besser, wissen, wann sie sich an einen wenden können […].“ 

Zu Beginn habe sie natürlich oft selbst Texte und Anfragen rausgeschickt, die ehrlicherweise aber größtenteils unbeantwortet blieben. „Wenn man nicht schon einen Kontakt hat, das war mein Eindruck, oder zumindest jemanden hat, der einen vermitteln kann und gewissermaßen für einen bürgt, war es sehr schwer.“ Daher rät sie: Dranbleiben und Geduld haben – auch wenn über einen langen Zeitraum der Erfolg ausbleibe: „Man muss einfach weitermachen, wenn man das möchte.“ 

Natürlich haben wir Kohout nach Tipps gegen Schreibblockaden gefragt - konkrete Tipps habe sie aber keine. „Wenn ich nicht schreiben kann, weil ich zum Beispiel keine Ideen habe, dann: Akzeptieren.“ Vielmehr versuche sie an solchen Tagen, wenn es denn möglich ist, gar nicht zu schreiben, sondern widme sich anderen Aufgaben, die sowieso erledigt werden müssen „[…] oder ich gucke irgendeine Serie.“ Dann solle man sich den Raum nehmen, auch einmal nichts zu machen. „Aber manchmal verwechselt man ja auch Schreibblockaden mit Prokrastination. Und wenn es Prokrastination ist, dann ist die gegenteilige Strategie angesagt: nämlich sich trotzdem ran setzen […].

 

Neben ihrer Eigeninitiative spiele auch der Zufall eine Rolle, so Kohout. Daniel Hornuff, der Betreuer ihrer Magisterarbeit, die sie über popkulturelle Erinnerungs- und Denkmalkultur geschrieben hat, habe sie damals gefragt, ob sie Lust hätte, mal eine Kolumne für die Zeitschrift POP. Kultur und Kritik zu schreiben. „Das habe ich natürlich direkt gemacht. Ich habe oft beobachtet, dass manche dazu neigen, und teilweise auch zurecht dazu neigen, Angebote nicht anzunehmen, weil sie es sich nicht zutrauen, oder weil sie nur wenig oder kein Geld bekommen […] ich habe als Anfängerin alles, was sich ergeben hat, als eine riesige Möglichkeit für mich wahrgenommen, für mich war das immer ein Geschenk. Natürlich muss man irgendwann seinen eigenen Wert auch kennenlernen und entsprechend einfordern. Aber gerade zu Beginn kann es sehr hilfreich sein, auch mal etwas mehr Arbeit und Zeit zu investieren.

Die Arbeit für POP sei natürlich ein totaler Zufall gewesen und dennoch müsse am Ende auch die Zusammenarbeit stimmen. Es passte und Kohout hatte die Chance, für die Konsum-Kolumne der Zeitschrift zu schreiben. Schlussendlich habe sich auf diese Weise sogar ihre Stelle an der Universität Siegen als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Germanistik ergeben. Thomas Hecken, Gründer der Zeitschrift und Kohouts aktueller Chef, habe damals die Zusage für eine neue Stelle für die redaktionelle Betreuung der Zeitschrift bekommen. Allerdings war diese an die Lehre und an die Promotion gebunden. Zu diesem Zeitpunkt sei eine Promotion für Kohout keineswegs eine zwangsläufige Folge gewesen, da sie große Freude an ihrem Blog und am Schreiben eher populärerer und nicht rein wissenschaftlicher Texte hatte. Schlussendlich sagte Kohout zu. Im Mai 2021 promovierte Kohout über den Nerd als Sozialfigur. 

Die Figur des Nerds habe sie schon immer interessiert. Nach dem vorangegangenen Buchprojekt Kein schöner Land. Angriff der Acht auf die deutsche Gegenwart bei C. H. Beck 2019 sei der Lektor auf sie zugekommen und habe nach ihrem geplanten Buch Netzfeminismus gefragt. Da sie aber schon einen Vertrag beim Wagenbach Verlag hatte, habe sie stattdessen ihre Idee zum Nerd vorgeschlagen. Das Sachbuch Netzfeminismus. Strategien weiblicher Bildpolitik erschien schließlich im März 2019 wie geplant im Wagenbach Verlag. 

Kohout stieß mit ihrem Themenvorschlag zum Nerd aber nicht nur beim Verlag, sondern auch bei Hecken auf positive Resonanz, der darin ein gutes Thema für ihre Dissertation erkannte. „Ja und dann wurde das wirklich eine Odyssee, weil ich an zwei sehr umfangreichen Texten, die zudem inhaltlich ähnlich, formal aber verschieden sind, gleichzeitig gearbeitet habe. […] Das war hart, aber mir war auch klar, dass es eine einzigartige Chance ist, […] und wenn ich jetzt nicht diese Gelegenheit nutze, würde ich es nicht mehr machen […].

Die Lehre bereite Kohout viel Freude, weil sie als Dozierende sehr viel von den Gedanken und Anregungen der Studierenden mitnehmen könne. Besonders sei es ihr ein Anliegen, die Studierenden zum selbstständigen und -bewussten Arbeiten und zur Auseinandersetzung mit eigenen Themen zu ermutigen. Etwas, was sie in ihrem eigenen Studium vermisste. „Ich habe immer das Gefühl, dass viele Studierende […] glauben, bestimmte Anforderungen erfüllen zu müssen oder bestimmte Themen und Sachen in den Blick nehmen zu müssen, die vorgesehen sind. Das trifft natürlich auf formale Angelegenheiten auch zu, wie man wissenschaftlich schreibt, wie man argumentiert und einen roten Faden im Blick behält. Was das Thema und die Methode betrifft, möchte ich aber zu mehr Mut anregen und den Studierenden vermitteln, dass es das Vorgesehene nicht gibt. Also dass sie sich selbst die Räume suchen können, in denen sie ihre Kompetenz, ihr Wissen, ihre Neugier einbringen können.

 

Unter anderem über die POP-Zeitschrift habe sich auch ihre Mitherausgeberschaft der Buchreihe Digitale Bildkulturen im Verlag Klaus Wagenbach ergeben. Hecken schlug eine Social Media Kolumne vor, für die, neben Kohout, vor allem Wolfgang Ullrich, Daniel Hornuff und Simon Bieling zuständig gewesen waren. Besonders mit Ullrich entstand ein enger Austausch über die großen thematischen Leerstellen, die vor allem im bildwissenschaftlichen und kunstwissenschaftlichen Kontext herrsch(t)en. Als langjähriger Wagenbach-Autor hatte Ullrich bereits eine enge Verbindung zum Verlag, die auch eine Zusammenarbeit an der Buchreihe nahelegte. Geplant seien zunächst 20 bis 25 Bände, darunter Kohouts Buch Netzfeminismus oder Ullrichs Selfies. Wie es danach weitergehe, würde sich zeigen. Schließlich müsse das Lesen und Lektorieren von vier Bänden im Jahr auch irgendwie in den Arbeitsalltag integriert werden. Dennoch ist die Reihe „definitiv ein Herzensprojekt von uns beiden.

 

An Ideen für neue Projekte mangele es Kohout keineswegs. In Planung sei unter anderem ein Buch zum Thema Niedlichkeit. Es soll eine Grundlagenarbeit entstehen, die sich damit befasse, was die Ästhetik des Niedlichen auszeichne und was diese für die Gegenwartskultur eigentlich bedeute. Erst einmal ist dazu ein Seminar geplant, um die Thematik bei den Studierenden auszutesten. Da sie bereits in der POP-Zeitschrift eine Serie zu K-Dramen begonnen habe und sich für die Auseinandersetzung mit der ostasiatischen Populärkulturforschung interessiere, plane sie nun als weiteres Buchprojekt etwas zu K-Pop oder K-Dramen. 

 

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Dr. Annekathrin Kohout für das Interview und wünschen ihr ganz viel Erfolg für ihre zukünftigen Buchprojekte und sind schon sehr gespannt, was wir als nächstes von ihr lesen werden. 

- Annika Kurzhals, veröffentlicht am 2022