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Clara Nicolay

Masterstudentin der Kunstgeschichte und

studentische Hilfskraft, Kunsthistorisches Institut Florenz

Wer Kunstgeschichte studiert, stößt immer wieder auf außeruniversitäre Forschungsinstitute. Doch was kann man sich unter solchen Einrichtungen vorstellen?  Darüber haben wir mit Clara Nicolay gesprochen, studentische Hilfskraft am Kunsthistorischen Institut Florenz und ehemalige Praktikantin an der Bibliotheca Hertziana in Rom. Wir haben die Masterstudentin zu ihrem Werdegang, den beiden Instituten und ihren dortigen Aufgaben befragt.

Ihr Interesse für die Kunst entwickelte sich früh. Als Kind reiste Nicolay viel mit ihren Eltern. Die großen Gemälde in den verschiedenen europäischen Museen beeindruckten sie damals sehr und weckten nachhaltig ihre Neugierde: „Ich wollte dann immer alles ganz genau wissen.“ Alte Fotos dokumentieren das: Zunächst noch hellwach, den Audioguide ans Ohr gedrückt, später schlafend. „Erschlagen von der Kunst. Ungefähr das ist meine erste Erinnerung an Kunst.“

Für Nicolay stand früh fest, in jedem Fall etwas im Bereich der Geistes- oder Kulturwissenschaften zu studieren. Während eines Sprachkurses in Florenz nach dem Abitur entschied sie sich für die Fächer Kunstgeschichte und Romanistik und ging dafür an die Frankfurter Johann Wolfgang von Goethe Universität. Schnell war sie sich sicher, auch während des Studiums noch einmal für eine gewisse Zeit zurück nach Italien gehen zu wollen. „Ich finde, gerade, wenn man eine Sprache studiert, ist es immer wichtig, in dem Land mal gewesen zu sein und gelebt zu haben.“ Das hat sie bereits mehrere Male getan: Für einen kurzen Aufenthalt in Turin, später während eines Erasmussemesters in Rom mit einem anschließenden Praktikum an der Bibliotheca Hertziana und nun für ihre Arbeit am Kunsthistorischen Institut in Florenz. Während ihres Studiums entwickelte Nicolay auch in der Kunstgeschichte einen gewissen Italien-Schwerpunkt. „Es hat sich auf jeden Fall angeboten, dass, wenn man Italienisch und italienische Literatur studiert und sich so intensiv damit auseinandersetzt, dann auch seinen Schwerpunkt darauflegt.“ Insbesondere Bezüge zwischen Literatur und bildender Kunst begeistern sie. Beispielhaft nennt sie uns ein Fresko von Domenico di Michelino im Florentiner Dom, wo dieser Dantes Divina Commedia verbildlicht.

Zu Beginn ihres Masters machte Nicolay parallel zu ihrem eigentlichen Studium die zweisemestrige Fortbildung „Buch- und Medienpraxis“ an der Frankfurter Universität, wo man in direkter praktischer Anwendung Grundlagen im Bereich der Ausstellungs-, Journalismus- und Lektoratstätigkeit erlernt. „Das waren zwei sehr intensive Semester und sehr viel Arbeit. Man hat mich in diesem Jahr nicht viel außerhalb der Bibliothek gesehen.“

Bevor sie nach Italien ging, arbeitete sie neben ihrem Studium für mehrere Semester als Methodik-Tutorin an der Universität und für fast vier Jahre als studentische Hilfskraft in dem Frankfurter Büro des internationalen Auktionshauses Sotheby’s in der Abteilung Presse und Marketing. Ihren Uni-Job musste sie für ihr Erasmussemester in Rom kündigen. Bei Sotheby’s konnte sie zeitweise pausieren. Als sich die Gelegenheit auf die Stelle am Florentiner Institut ergab, habe ihre Vorgesetzte bei Sotheby’s sie sogar in der Entscheidung bestärkt, noch mal etwas Neues auszuprobieren.

Ihre Stellen an der Biblotheca Hertziana sowie dem Kunsthistorischen Institut verdankt Nicolay in gewisser Weise dem Zufall. Von der Praktikant*innenstelle an der Hertziana erfuhr sie während Recherchen für eine Hausarbeit durch eine Frankfurter Dozentin. Die Masterstudentin nutzte die Chance, bewarb sich während ihres Erasmussemesters in Rom und konnte so ihre Zeit in der italienischen Hauptstadt um drei Monate verlängern. Die Bibliotheca Hertziana geht auf eine Stiftung der Kunstsammlerin und Mäzenin Henriette Hertz im Jahr 1913 zurück. Seit 1948 gehört das deutschsprachige Forschungsinstitut zur Max-Planck-Gesellschaft. Das Institut vergibt Forschungsstipendien an Doktorand*innen sowie Postdocs, veranstaltet Symposien, Konferenzen und Vorträge. Hier arbeiten Forscher*innen und Nachwuchswissenschaftler*innen aus aller Welt an kunsthistorischen Themen, die teils eine Verknüpfung zu Italien haben, was aber kein Muss ist. Vor Ort besteht die Möglichkeit den anderen Wissenschaftler*innen die eigenen Forschungsergebnisse vorzustellen, Probleme zu besprechen und zu diskutieren. „Der Austausch, so geballt an einem Ort, das findet man selten.“ Es sei dementsprechend auch ein großartiger Ort, um zu netzwerken und die eigenen Kenntnisse im Austausch mit anderen Wissenschaftler*innen zu erweitern. Den Forschenden stehen für ihre Arbeit die enormen Bestände der Institutsbibliothek sowie Fotothek – eine Art Bibliothek für Bildmaterial – zur Verfügung. Diese unglaublichen Ressourcen dürfe man auch als Praktikant*in für die eigenen Projekte nutzen – dies sei sogar gern gesehen. Nicolay begann hier mit den ersten Recherchen für ihre Masterarbeit. Zu ihren Aufgaben als Praktikantin gehörte die wissenschaftliche sowie Bild- und Buchrecherche für Postdocs und die Unterstützung bei der Vorbereitung und Durchführung von Veranstaltungen. Zudem durfte sie an allen Veranstaltungen teilnehmen.

Während ihrer Zeit in Rom traf sie bei einer gemeinsamen Veranstaltung der Hertziana und dem Kunsthistorischen Institut eine Kommilitonin aus Frankfurt wieder, die als studentische Hilfskraft an der Florentiner Einrichtung arbeitete und ihr von der Stelle erzählte. Daraufhin bewarb sich Nicolay dort initiativ für die Abteilung „Bild/Sprachen – Italienische Kunstgeschichte im internationalen Kontext“. Das Kunsthistorische Institut in Florenz, 1987 von deutschen Kunsthistoriker*innen gegründet und seit 2002 ebenfalls Teil der Max-Planck-Gesellschaft, sei in etwa das toskanische Äquivalent zur römischen Bibliotheca Hertziana. Es gibt ebenfalls eine große Bibliothek, Fotothek und außerdem Labore, in denen kunsthistorische Forschung betrieben wird. Auch hier begrenze sich die Beschäftigung mit Kunstgeschichte nicht allein auf Italien. So habe es 2019 etwa eine Forschungsgruppe zum Bildgebrauch von NGOs und politisch motivierten Abbildungen gegeben. Nicolays aktuelle Tätigkeit entspricht der eines klassischen Hiwi-Jobs an der Uni. Sie arbeitet eng mit ihrem Vorgesetzten Alessandro Nova und seinem Sekretariat zusammen und unterstützt ihn unter anderem bei der wissenschaftlichen Recherche, sucht Literatur, scannt diese, erstellt Präsentationen und editiert Fußnoten. Bei ihrer aktuellen Tätigkeit kann sie viel von dem anwenden, was sie inhaltlich in ihrem Studium gelernt hat. Methodisch hilft ihr der Uni-Job als Tutorin enorm, bei dem sie den Studierenden die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens beibrachte. Bei Aufgaben wie dem Lektorieren und Korrigieren profitiert sie sehr von ihren Erfahrungen aus „Buch- und Medienpraxis“.

Der Unterschied zwischen den beiden Instituten liege vor allem in der Aufteilung der italienbezogenen Bestände und Forschung: In Florenz befasse man sich mehr mit der nördlichen, in Rom mit der südlichen Hälfte des Landes. Die thematischen Schwerpunkte ergäben sich ansonsten vor allem durch die Forschungen und Forschungsgruppen der jeweiligen Mitarbeiter*innen. Abgesehen davon seien die Institute in ihrem Ansatz weitestgehend ähnlich. Es gehe darum, als Forschungsinstitut Wissenschaftler*innen eine Plattform der Profilierung, Förderung und Vernetzung zu bieten. 

„Ich würde nicht sagen, es ist ein Muss für Nachwuchswissenschaftler, hier gewesen zu sein. Aber es lohnt sich in jedem Fall. [...] Wenn man sich die Lebensläufe der Kunstgeschichtsprofessoren in Deutschland anschaut, wird deutlich: Man findet so gut wie keinen Professor, der nicht mal an einem dieser Orte  war."
 

Neben Hertziana und KHI gibt es mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München und dem Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris vergleichbare Einrichtungen. Wer sich als Doktorand hier bewirbt, sollte sich vorher mit den Schwerpunkten der einzelnen Institute genauer auseinandersetzen. Als Praktikant sei die Ausrichtung des Instituts dagegen weniger relevant: „Es lohnt sich auch einfach, diese Atmosphäre wahrzunehmen und zu schauen, ‚Wäre das überhaupt was für mich?‘“

Was das Tolle daran sei, eine Zeit an diesen Instituten zu arbeiten? „Man hat unfassbar viele Möglichkeiten, wenn man hier ist.“ Man lerne andauernd unheimlich viel dazu. Nicolay lacht: „Das kann am Anfang sehr beängstigend sein. Alle sind so furchtbar klug.“ Trotzdem ermutigt sie alle, die über die Forschung als mögliches Berufsziel nachdenken, sich bei einem der Institute zu bewerben. Dadurch, dass einige Studierende Hemmungen hätten, an so renommierte Forschungsinstitute ins Ausland zu gehen, ständen die Chancen gut, einen Praktikumsplatz zu ergattern. Dabei habe man nicht nur die Möglichkeit in die Forschungsabteilungen zu schnuppern, es gäbe auch Praktika in Bibliothek, Fotothek, in der Öffentlichkeitsarbeit oder Verwaltung. Auf unsere Frage, inwiefern Italienischkenntnisse für ein Praktikum von Bedeutung seien, sagt sie, dass die Institutssprache zwar grundsätzlich Deutsch sei, Italienisch-Grundkenntnisse wären jedoch von Vorteil. Ansonsten komme man auch mit Englisch aus. In ihrer jetzigen Position als studentische Hilfskraft seien gute Italienisch-Kenntnisse allerdings wichtiger, weil sie hier mehr mit italienischen Texten arbeite und auch Konversationen mit Personen und Organisationen außerhalb des Instituts betreiben müsse.

Derzeit befindet sich Nicolay in den letzten Zügen ihrer Masterarbeit zu „ungleichen Paaren“ in Italien im 16. Jahrhundert. Ihr 20 Stunden-Job am Florentiner Institut bietet ihr die Möglichkeit, neben der Arbeit als studentische Hilfskraft genug Zeit für ihr Studium zu finden – und auch am Wochenende außerhalb der Öffnungszeiten Zugang zur Institutsbibliothek zu haben.

Ihr Plan für die Zeit nach Abgabe ihrer Masterarbeit steht noch nicht fest. Sie denkt über eine Dissertation nach. Durch ihre Institutserfahrung würde sie sich inzwischen für die Forschung als potentielles Berufsfeld durchaus interessieren, „[…] weil ich festgestellt habe, wie sehr ich mich gerne und intensiv mit einem Thema auseinandersetze.“ Allerdings schließt sie andere Bereiche nicht aus und sieht sich ebenfalls nach Volontariatsstellen in Deutschland um.  Auch wenn sie viel berufliche Erfahrung in den letzten Jahren gesammelt hat, sie auf den Vorteil ihrer guten Noten setzen kann und deshalb hoffentlich gut für den Einstieg in die Arbeitswelt aufgestellt ist, hätte sie im Nachhinein gerne noch mehr während ihres Studiums ausprobiert: „Wie viel Bedeutung diese praktische Erfahrung hat, lernt man erst im Nachhinein zu schätzen.“ Trotz der momentanen – Pandemie-bedingt –   schwierigen Situation ist sie jedoch positiv gestimmt: „Ich glaube fest daran, dass sich meine harte Arbeit irgendwann einmal auszahlt.“

Wir danken Clara Nicolay für ihre Zeit und wünschen ihr für die Masterarbeit und ihre berufliche Zukunft alles Gute!

 – Valentina Bay, veröffentlicht am 13. November 2020