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David Vuillaume

Geschäftsführer des Deutschen Museumsbundes, Berlin

„Es wäre so schade, wenn es keinen Museumsbund gebe.“ Unterhält man sich mit David Vuillaume, heute Geschäftsführer des Deutschen Museumsbundes und zuvor elf Jahr lang Generalsekretär des Verbandes der Museen der Schweiz und ICOM Schweiz, beschleicht einen das Gefühl, hätte es keinen gegeben, hätte spätestens Vuillaume ihn gegründet. So sehr begeistert ihn seine Arbeit.

Foto: Davd Vuillaume, Deutscher Museumsbund

Gleich nach dem Schulabschluss begann der gebürtige Schweizer sein Studium an der Université de Lausanne in den Fächern Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte mit dem damals neuen Schwerpunkt Museologie. „Am wichtigsten war dabei immer Kunstgeschichte.“  Seine Eltern hätten seine Fächerwahl damals gar nicht gut gefunden. Insbesondere, da Vuillaume nur wusste, was er studieren möchte, aber nicht, was er damit anschließend anstellen wollte. „Da musste ich ihnen sagen: Das ist eure Schuld.“ Vor allem sein Vater habe ihm während der Kindheit die Kunst nahegebracht. Neben zahlreichen Kunstbüchern im Hause Vuillaume nahm er seinen Sohn in viele Ausstellungen in die nahe gelegene Kunststadt Basel mit.

Während des Studiums arbeitete Vuillaume viel – auch, um sich sein Studium überhaupt finanzieren zu können. „Aber ich habe natürlich nicht nur gearbeitet, weil ich das Geld brauchte, sondern auch, weil ich viel dabei gelernt habe.“ Er arbeitete in mehreren Museen in der Vermittlung, als Moderator für Jugendgruppen in der Aids-Prävention und als Lehrer. Ein Jahr pausierte er sein Studium sogar gänzlich, um als Vertretung an einer Schule zu unterrichten. Das ermöglichte ihm für die folgende drei Studienjahre ein finanziell sorgenfreies Leben.

In diesen Jahren hätte sich in ihm der Wunsch gefestigt, später im Museumsbereich tätig zu sein. Dabei habe ihn weniger ein konkretes Museum angezogen, sondern vielmehr die Museumsbranche allgemein. Noch während seines Studiums fasste er deshalb den Mut und kontaktierte den Generalsekretär des Verbandes der Museen der Schweiz und von ICOM Schweiz, um sich in einem Telefonat vorzustellen. Vuillaume habe damals mit allem gerechnet, doch nicht mit der folgenden Reaktion: „Er sagte mir: ‚Ich habe schon von Ihnen gehört.‘“ Das habe den jungen Studenten damals sehr berührt. Zwar sei die Kunstwelt klein und er damals im Museumsbereich recht umtriebig gewesen, doch habe er niemals damit gerechnet, dass sein Name bis in diese Ebenen vorgedrungen war. Das Telefonat habe sich dann um die Aufgaben des Generalsekretärs gedreht. Nachdem Vuillaume den Hörer aufgelegt hatte, habe er gewusst: „Diesen Job will ich.“ Und tatsächlich: Ein paar Jahre später sollte er die Stelle erhalten.

Zunächst arbeitete er nach Studienabschluss jedoch als Kommunikationsleiter im Bereich der Aids-Prävention. Hier übernahm er die Koordination für alle Präventionsorganisationen der Westschweiz. Nach nur wenigen Monaten wurde er von der Zentrale in Zürich gefragt, ob er nicht die dort freigewordene Kommunikationsleitung übernehmen wolle. Er sagte zu. Auf einmal war er Chef eines sechsköpfigen Teams im deutschsprachigen Zürich, wobei er die Sprache als Französisch-Schweizer damals nicht einmal richtig sprach. „Mit Anfang 20 in einer Führungsposition, das ist extrem jung. Aber ich war sehr naiv und dachte: ‚Ich kann das lernen.‘“  Und das tat er: „Es hat alles irgendwie funktioniert. Das war genial.“

Wie er anschließend zu der Stelle als Generalsekretär kam? Das nahm seinen Lauf, als eine Freundin auf ihn zukam und ihn um Unterstützung für den internationalen Museumstag bat. Da Vuillaume zu diesem Zeitpunkt nur eine 80%-Stelle hatte, konnte er dies nebenher gut einrichten. Nach Abschluss des Projektes spielte ihm der Zufall in die Hände. „Es war extrem organisch: Das Projekt war fertig und auf Aids-Prävention hatte ich keine große Lust mehr. […] Die Stelle des Generalsekretärs wurde frei, ich habe meine Bewerbung hingeschickt und dann war es wie eine Selbstverständlichkeit.“ Er sagt, er wisse selbst, wie verrückt das klinge: „Als ich beim Vorstellungsgespräch war, war ich natürlich total aufgeregt. Das war das zweite wirklich seriöse Vorstellungsgespräch in meinem Leben.“ Bei dem Termin habe er dann seine Ideen für das präsentiert, was er in den nächsten vier bis fünf Jahren als Generalsekretär gerne machen würde – natürlich unter Vorbehalt, dass er nicht alle Strukturen kenne. „Entweder sie nehmen es an oder sie nehmen es nicht an.“ Die Reaktion war ein Lächeln, gefolgt von einer Zusage. „Ich glaube, seitdem mache ich es immer so. Wenn ich etwas will, mache ich einen Plan und sage ‚Das biete ich an. Nehmen Sie es an oder nicht.‘ Es ist zwar risikoreich, aber ich habe gemerkt, dass es ein Plus ist, eine Idee zu haben – auch wenn man daneben liegt.“

Von 2006 bis 2017 war er Generalsekretär des Verbandes der Museen der Schweiz und von ICOM Schweiz. Danach wechselte er als Geschäftsführer des Deutschen Museumsbundes nach Berlin. Auch wenn sich die Stellenbezeichnungen unterscheiden, handelt es sich im Grunde um dieselben Aufgaben. Jeweils leitet bzw. leitete er einen Museumsverband, dessen Rolle es ist, den Sektor der Museen gegenüber der Öffentlichkeit und Politik zu vertreten, Wissen zu teilen und eine Plattform zum Netzwerken und Austausch zu bieten. „Das Wir-Gefühl in diesem Sektor ist zentral.“ Da Museen zwar wie klein- oder mittelständische Unternehmen funktionierten, jedoch eben Non-Profit-Organisationen seien, sei der Wille, Wissen zu teilen, auf allen Seiten enorm. „Ich bin total froh, dazwischen zu sein und das Wissen weiterzugeben.“  Insbesondere zu Beginn der Covid-19-Pandemie habe sich das deutlich gezeigt. Viele Institutionen seien am Anfang überfordert gewesen, weil natürlich alle unvorbereitet waren. Auch dem Museumsbund erging es so. Doch als Interessenverband habe man den nötigen Abstand gehabt, Vorschläge zu machen und zu helfen. „Da habe ich gedacht ‚Wow, wir sind wirklich, wirklich notwendig.‘“

Dass Vuillaume März 2020 nicht mehr für die schweizer, sondern für die deutschen Museen Wissen vermittelte, war seiner Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender des Netzwerks Europäischer Museumsorganisationen (NEMO) geschuldet. Durch die Organisation kam er mit anderen europäischen Verbänden in Kontakt und seine Neugier, in einem ausländischen Verband zu arbeiten, war geweckt. Aufgrund seiner Sprachkenntnisse kamen Frankreich und Deutschland in die realistische Auswahl. Als seine Berliner Vorgängerin ihre Stelle für einen neuen Job verließ, witterte Vuillaume seine Chance. „Vielleicht war ich ein wenig naiv, aber ich wurde eingeladen. Ich hatte das Gefühl, ich könnte das mal probieren.“ Wie schon für seine Stelle in der Schweiz machte er sich in Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch erneut einen Plan und stellte diesen vor. „Ich habe fast alles umgesetzt.“

Das Einzige, was er nicht realisieren konnte und was er persönlich sehr bedauere, aber auf die föderalistischen Strukturen Deutschlands zurückführt, ist der Aufbau eines Weiterbildungszentrums, wie er es in der Schweiz getan hatte. Dort hatte er ein breites Weiterbildungs- und Tagungsangebot für alle Museumsmitarbeiter*innen des Landes ins Leben gerufen. Dessen Fehlen in Deutschland empfindet er als große Lücke: „Man bildet sich in Deutschland nicht genug weiter, ist mein Gefühl. Wenn man in der Schweiz nicht regelmäßig eine Weiterbildung macht, fragt einen der Arbeitgeber, ob man eingeschlafen ist.“ Obwohl die einzelnen Bundesländer meist über sehr professionelle Museumsverbände verfügten, fehle es in deutschen Museen häufig an Strategien und finanziellen Mitteln für die Weiterbildung der Mitarbeiter*innen. Abhilfe leiste neben dem Deutschen Museumsbund unter anderem die Bundesakademie für kulturelle Bildung. „Es ist gut, dass wir Lücken füllen. Es gibt noch viel zu tun.“

Vuillaume selbst hat seit Ende seines Studiums mehrere Weiterbildungen im Bereich Marketing und Management für Non-Profit-Organisationen absolviert. In Zukunft würde er sich gerne noch im Bereich Personalwesen fortbilden. Phasen der Weiterbildung nach Beendigung der eigentlichen Ausbildung legt er allen ans Herz: Sicher lerne man bei der Ausführung des eigenen Jobs täglich viel, doch bestünde hier immer der Leistungsdruck des Arbeitsalltags. Das Heraustreten und Abstand nehmen zum eigenen Arbeitsalltag biete die Möglichkeit der Evaluation und neuer Perspektiven auf die eigene Arbeit. Das könne einen riesigen Schub an neuen Ideen mit sich bringen. „Ich mache nie etwas, weil wir das immer so gemacht haben.“ Wenn Dinge fortgeführt würden, dann immer, weil es einen Grund dafür gibt.

Heute kann sich Vuillaume nicht vorstellen, in einem anderen Bereich als dem des Non-Profits zu arbeiten. Auch wenn es so klingen mag, als sei sein Werdegang von langer Hand penibel geplant gewesen, so entspreche das der Realität nur wenig, sagt er. Oft war es so, dass ihm ein Job direkt angeboten wurde oder eine Stelle genau im richtigen Augenblick kam. Retrospektiv seien seine Ziele vermutlich vor allem unterbewusst ausformuliert gewesen. Von außen betrachtet, scheinen es vor allem sein selbstbewusstes Auftreten und seine Philosophie, mit seiner Arbeit einen Dienst für kulturelle Institutionen zu leisten, gewesen zu sein, die ihm den Weg geebnet haben.

Wir bedanken uns bei David Vuillaume für das wunderbare Gespräch und wünschen ihm alles Gute!

  – Valentina Bay, 4. März 2022