Dr. Christian Gries 

Leiter der Abteilung für Digitale Museumspraxis und IT am Landesmuseum Württemberg in Stuttgart

„Wir brauchen mehr Verständnis für’s Handwerkszeug – auch für’s digitale Handwerkszeug.“ Eines ist sicher: Über die Jahre hinweg hat Dr. Christian Gries sich einiges davon aneignen können. Wie er vom Traumberuf Maler zur Kunstgeschichte mit dem Forschungsschwerpunkt Italienische Renaissance und letztlich zur Digitalisierung kam, darüber haben wir an einem Montagabend im August gesprochen. 

Als Kind wollte Gries Maler werden. Schon immer sei für ihn klar gewesen, dass er sich mit Kunst und Kultur auseinandersetzen wollte. Mit diesem Ziel vor Augen bewarb er sich mit einer Mappe für ein Studium der bildendenden Künste an der Kunstakademie in München - erfolglos. Während der Vorbereitung einer zweiten Mappe für eine erneute Bewerbung begann er ein Studium mit den zwei Hauptfächern Kunstgeschichte und Alte Geschichte an der Universität Trier, erstmal nur als „Mittel zum Zwecke“. Der Grund, wieso er nach Trier ging, war „[…] ganz banal, da gab es keinen Numerus clausus. Das war der einzige Ort in Deutschland, der zu dem Zeitpunkt, wo ich dort aufschlagen wollte, noch verfügbar war.“

Die Mappe für seine Wiederbewerbung an der Kunstakademie wurde dann positiv beschieden, „aber die Kunstgeschichte hat mich dann so gefesselt, dass ich die Kunstakademie hab sausen lassen.“ Von Trier wechselte er an die Universität Augsburg. Zum einen konnte er so näher an der Heimat sein und zum anderen erschien ihm die Campusuniversität als äußerst attraktiv. Darüber hinaus gefiel ihm die Augsburger Schwerpunktsetzung auf die Italienische Renaissance. Aus dem zweiten Hauptfach wurden in Augsburg dann zwei Nebenfächer, Klassische Archäologie und Alte Geschichte. Mit der Malerei hat er sich dann über lange Jahre noch das Studium mitfinanziert.

Dem Augsburger Schwerpunkt entsprechend lag sein Forschungsschwerpunkt auf der Italienischen Renaissance. Auch heute sei seine Leidenschaft für die Renaissance noch immer vorhanden. Maßgeblich habe sein damaliger Professor Dr. Hanno-Walter Kruft, der Architekturtheorie und Italienische Kunstgeschichte der Renaissance in Augsburg dozierte, Einfluss genommen. So war auch seine Magisterarbeit, in der er sich mit der Ambraser Kunst- und Wunderkammer beschäftigte, in der Renaissance verortet. Das Thema seiner Abschlussarbeit hallt in gewisser Weise bis heute nach. „Heute im Rückblick würde ich sagen, die Idee der Kunst- und Wunderkammer könnte man heute in das Internet portieren. Letzten Endes ist das Netz ja auch eine große Kunst- und Wunderkammer ist, die voller Arteficialia, Scientiftica, Exotica, Mirabilia und Kuriositäten ist. Deshalb war das für mich wohlmöglich am Schluss ins Digitale ein natürlicher Weg.“ 

Neben dem Studium habe er sich stets um Praktika bemüht, sodass er bereits frühzeitig praktische Erfahrungen sammeln konnte. In Erinnerung sei ihm da vor allem ein sehr langes, intensives und lehrreiches Praktikum an den Bayrischen Staatsgemäldesammlungen geblieben. Hier war er unter anderem in die Entwicklung der heutigen Pinakothek der Moderne mit eingebunden.

 

Für seine Dissertation entschied er sich für einen Epochenwechsel. 1996 promovierte Gries mit einer Arbeit über den Maler, Kunsttheoretiker und Typographen Johannes Molzahn. Die Entscheidung, bei seiner Doktorarbeit in die klassische Moderne zu wechseln, sei an seine weitere Leidenschaft für das 20. Jahrhundert gebunden gewesen. Hier waren es vor allem die zwanziger Jahre und der Expressionismus, die ihn immer schon begeisterten. Besonders habe ihn an seiner Thematik die Chance gereizt, einen Künstlernachlass dokumentieren zu können. Die Witwe des Künstlers lebte damals in München, wodurch auch eine geografische Nähe vorhanden war. Letztlich seien es diese sehr optimalen Konditionen gewesen, die ihn schließlich thematisch in der Wahl für das 20. Jahrhundert bestätigt hätten. Während der Auseinandersetzung mit dem Künstlernachlass Molzahns habe er sich auch mit dem Thema Fälschungen beschäftigen müssen. „Meine Arbeit war sehr mit dem Werk von Herrn Beltracchi konfrontiert“, berichtet uns Gries. Noch lange vor dem großen Beltracchi-Skandal habe er in seiner Doktorarbeit Fälschungen Beltracchis identifizieren können. „Das war für einen jungen Kunsthistoriker eine beinharte Erfahrung, weil man im Studium auf solche Themen, die juristischen Herausforderungen und den schamlosen Kunstmarkt nicht vorbereitet wird […].“ Kein Privatsammler sei dankbar, wenn man ihm erklären müsse, dass er 400.000 DM für eine Fälschung ausgegeben habe. Experten, die jahrelang an der Nase herumgeführt oder Fälschungen in Ausstellungen gezeigt oder Katalogen reproduziert haben, reagieren auf einen jungen, unerfahren Kunsthistoriker nicht immer souverän. Und einer mafiös operierenden Fälschungsindustrie möge man sich nicht wirklich aussetzen wollen. „Das war letzten Endes auch ganz klar der Grund, warum ich an einer bestimmten Stelle gesagt habe: Jetzt mache ich mit der Kunstgeschichte erstmal Pause und kümmere mich um ein anderes Thema. Und so bin ich zur Digitalisierung gekommen.“

 

Bereits während der Promotion entschied er sich dazu, parallel eine zweijährige nebenberufliche offizielle Ausbildung zum Medienentwickler in Kassel zu machen, wo er zu diesem Zeitpunkt wohnhaft war. Für die Ausbildung habe er sich entschieden, um das Handwerkszeug erst einmal gründlich zu lernen. „Das war eine Zeit, in der das Internet gerade kam, also es gab schon die ersten Webseiten.“ So war Gries an der Mitentwicklung einer der ersten Museumswebseiten Deutschlands für die Kunsthalle in Erfurt beteiligt. „Das Schöne war, ich konnte sie nicht nur konzipieren, sondern eben auch programmieren.“ Damals seien sie in der Ausbildung noch auf die Produktion von CD-ROMs vorbereitet worden, „Das sollte der große Markt werden – und ist heute kein Thema mehr“, erzählt uns Gries lachend. Inwiefern er bis heute von der Ausbildung profitieren kann? „Maximal. Da sind Grundlagen in Hardware- und Software, Design oder User Experience geschult worden. Als Geisteswissenschaftler kam ich auch in Erstkontakt mit Themen wie Projektmanagement und Budgetverwaltung. Gleichzeitig hat der Wechsel von CD-ROM zum Internet uns klar gemacht, wie radikal, dynamisch und schnelllebig das System sein kann“. 

 

Gemeinsam mit einem zweiten Kunsthistoriker gründete Gries im Jahre 2000 die Internetagentur Janusmedia, die er bis 2015 führte. Die Agentur hatte sich auf die Beratung, Konzeption sowie Entwicklung digitaler Kommunikationsinstrumente für Kultureinrichtungen spezialisiert: „Das war damals noch sehr deutlich dem Ressort PR und Marketing der Museen zugeordnet“. Die Arbeit in der Agentur habe sich im Laufe der Jahre immer stärker auf die Aufgabenfelder der Digitalisierung fokussiert. Gries betont, dass er die Potentiale des Digitalen in der Kommunikation und Vermittlung schon früh gesehen habe – und gegen viele Haltungen in den Kultureinrichtungen verteidigen oder entwickeln musste. Ihm sei es immer darum gegangen, die Welten der Kultur und der Digitalisierung zu verbinden, und „[…] da war es hilfreich in zwei Welten (Anm.: Technik und Museumswelt) denken, sprechen oder auch übersetzen zu können. Einem Kunsthistoriker erklären wie die Informatik funktioniert und einem Informatiker erklären, wie ein Museum funktioniert. […] Da liegt mehr als eine Welt dazwischen.“ Zu dieser Zeit waren viele Museen in Deutschland ins Internet aufgebrochen und hatten angefangen, diese digitalen Landschaften nutzbar zu machen. Die Fähigkeit zur Vermittlung „zwischen zwei Welten“ war für Gries dann eine Art „Unique Selling Point, der wahnsinnig hilfreich und wertvoll gewesen ist“. Mit der Zeit sei der Kundenstamm der Agentur gewachsen und zu den Museen kamen Theater, Bibliotheken, Galerien und Archive hinzu. In den besten Zeiten hatte die Firma bis zu dreizehn Mitarbeiter*innen und arbeitete sogar international für die Kulturlandschaft. Im Jahr 2013 gründete Gries dann mit anderen Akteur*innen  die Kulturkonsorten in München. „Diese Kulturkonsorten waren und sind ein Netzwerk, das ich mit verschiedenen Kolleg*innen aus München vor allen Dingen gegründet habe, weil wir festgestellt haben, dass Deutschland und ganz besonders Bayern in der Digitalisierung hinten nachhinkt. Und zwar so deutlich, dass wir nicht nur das Schlusslicht darstell(t)en, sondern die kleine Kerze dahinter. Mit dem Blick auf Bayern hat das Bild leider noch immer einige Berechtigung. Und genau diesen Moment zu erkennen, ihn zu formulieren und anzugehen, das war der Impuls, den wir mit den Kulturkonsorten von Anfang setzen woll(t)en“.

„Die Kulturkonsorten sind keine Agentur, sondern ein freies Netzwerk“ betont Gries, „dem sich jede Person mit gleicher Überzeugung unabhängig des Berufes anschließen kann“. So haben die Kulturkonsorten beispielsweise eine der ersten Tagungen für Museen und Digitalisierung in Deutschland initiiert oder innovative digitale Formate und Produkte aus dem Ausland adoptiert: „Wir haben den ersten Tweetup eines Museums in Deutschland durchgeführt“. Sie selbst hätten sich als „Brandstifter der Digitalisierung – ganz im positiven Sinne“ gesehen. Es sei in so manchem Haus wichtig gewesen, einen Funken zu zünden, damit ein Licht angehe und die Sicht auf die Potentiale der Digitalisierung klar werden. Heute versteht sich Gries eher als eine Art Wahrnehmungstherapeut: „Die Kolleg*innen sind in der eigenen Erfahrung und Professionalität viel weiter. Ich rede daher nicht mehr so viel über Technik, ich rede mit Menschen über ihre Haltung und Methoden zu Digitalisierung und Digitalität“. 

 

An dieser Stelle sei irgendwann die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern ins Spiel gekommen, wo er von 2015 bis 2020 das Projekt “Digitale Strategien für Museen” leitete. „Die haben schnell erkannt, dass es bei der Entwicklung von Digitalisierung bei den Museen darum gehe, die Leute in eine Expertise zu bringen, um Handlungsbereitschaft und Handlungsfähigkeit zu erzeugen“. Unter der damaligen Leitung der Landesstelle Frau Pellengahr hat Gries diesen Auftrag dann fünf Jahre lang umzusetzen können. „Nach vielen Jahren Agenturarbeit wusste ich auch, dass ich keine Lust mehr auf die Selbstständigkeit hatte und gerne mit dem tollen Team an der Landesstelle weiterarbeite. Das war dann eine fantastische Erfahrung, in der ich sehr viel über die Museumsberatung und die nichtstaatlichen Häuser in Bayern gelernt habe“.

 

Im September 2020 wurde im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart eine neue Abteilung „Digitale Museumspraxis & IT“ gegründet und eine Leitung ausgeschrieben, für die Gries eingestellt wurde. „Kernaufgaben liegen in der Definition von Kontur und Schwerpunkten einer digitalen Museumspraxis für das Landesmuseum“ sagt er, „die Häuser setzen hier eigene Schwerpunkte und wir blicken dafür auf die Geschichte der Digitalisierung im eigenen Haus und die konkreten Bedarfe in den Abteilungen“. Auch hier bleibt Gries bei den Erfahrungen aus den frühen Jahren in der Digitalisierung: „Auch wenn 3-D-Digitalisierung, KI oder Digital Twins als neue Themen hinzukommen, so geht es maßgeblich doch darum, Handlungsfähigkeit im eigenen Haus zu entwickeln, die Medienkompetenz der Kolleg*innen zu gestalten: Digital Literacy ist auf allen Ebenen ein Masterthema der Gegenwart“.  Zielsetzung der Abteilung sei es zunächst, bis Frühjahr 2022 die digitale Strategie des Hauses zu veröffentlichen.

 

Seinen Blog Iliou melathron betreibt Gries seit über zehn Jahren, um Markierungen setzen und in die Community der Museumsgestalter*innen, Vermittler*innen, Kurator*innen hineingeben zu können, denn: „Mein Blog war immer der Versuch, Inspiration und Kenntnis in die Gruppe der Kolleg*innen hineinzutragen.“ Hier wollte er die Neugierde für bestimmte Themen wecken und sie gleichzeitig erstmals initiieren. Eines habe für Gries aber auch stets im Vordergrund gestanden: „Museumsarbeit darf auch Spaß machen“. Natürlich habe ihm sein Blog auch Reichweite und Sichtbarkeit gebracht und er wurde zu vielen Veranstaltungen eingeladen, weil es um Themen ging, die er zuvor verbloggt habe. Über das Schreiben habe er eine Expertise entwickeln können, die hilfreich war. „Ich würde es jedem empfehlen“. Gries macht deutlich, dass er sich heute als Abteilungsleiter bei Personalentscheidungen auch das digitale Profil der Bewerber*innen anschaut. „Ein eigener guter Blog mit deutlicher Fachexpertise, eine ORCID-ID oder gut gepflegtes Schriftenverzeichnis, ein deutliches Standing in der relevanten digitalen Fachcommunity oder eine sichtbare digital literacy können da durchaus relevante Einstellungskriterien sein. Heute geht es nicht mehr nur um das stille Genie im Elfenbeinturm […], sondern auch um Vernetzung und Sichtbarkeit.“

 

Seit 2014 hat Gries immer wieder Lehraufträge. Das würde irgendwann zwangsläufig entstehen, wenn man lange und intensiv über ein Thema spreche. Was ihm besonders an der Lehre gefalle? Der Austausch. „Ich gebe zu, dass der Austausch mit jüngeren Menschen mir immer wichtig gewesen ist, weil auch an so einem alten Dinosaurier manche Impulse nur aus jüngeren Köpfen heranwachsen.“ Hingegen können seine Studierenden von den langjährigen Erfahrungen und dem Wissen eines alten Dinosaurier der Branche profitieren. „Es braucht, glaube ich, auch bei so einem dramatisch schnelllebigen Thema wie der Digitalisierung doch manchmal eine gewisse Ruhe und Weitsicht, um sagen zu können, was ist nachhaltig, was ist eine sinnvolle Investition.“  

 

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Dr. Christian Gries für den spannenden Einblick in seine Biografie und hoffen, dass es ihm und seiner Abteilung gelingen wird, die „[…] online Sammlung hier beim Landesmuseum von den derzeit 13.000 Objekten auf 100.000 Objekte hochjagen [zu] können“.

- Annika Kurzhals, veröffentlicht am 1. Oktober 2021