Dr. Christoph Schölzel

Kommissarischer Leiter der Gemälderestaurierungswerkstatt der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 

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© Wolfgang Kreische, Staatliche Kunstsammlungen Dresden.

Als kleines Kind wollte Dr. Christoph Schölzel Zauberkünstler werden. Nach einem missglückten Auftritt stand fest: „Mit der Zauberei höre ich auf!“. Doch auch heute noch steht Schölzel hin und wieder im Rampenlicht. Die Aufmerksamkeit gilt dabei den Künsten des Gemälderestaurators, der derzeit auch kommissarisch die Gemälderestaurierungswerkstatt der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden leitet.

 

Es müsste ungefähr in der neunten Klasse gewesen sein, als er begann, sich für den Beruf des Restaurators zu interessieren. Ein Schlüsselerlebnis sei die Begegnung mit dem damaligen Chef-Restaurator der Semperoper Dresden Helmar Helas gewesen. Helas habe sich einen halben Tag Zeit genommen, um ihn über die Baustelle und durch die Restaurierungswerkstätten der sich im Wiederaufbau befindlichen Semperoper zu führen. „Und ich muss sagen, das war eine Initialzündung für mich, sich mit diesem Beruf intensiv zu beschäftigen.“

Ungefähr ein Jahr später absolvierte der Zehntklässler die Aufnahmeprüfung für ein Abendstudium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Hier wurde Schüler*innen die Möglichkeit gegeben, sich auf einen künstlerischen Beruf vorzubereiten. Schölzel bestand die Aufnahmeprüfung, sodass er im darauffolgenden Schuljahr an drei Tagen der Woche jeweils drei Stunden Unterricht im Zeichnen und Malen, aber auch in Schriftgestaltung und Kunstgeschichte hatte. 

 

Den Berufswunsch Restaurator weiterhin vor Augen, arbeitete Schölzel nach seinem Militär-Pflichtdienst als Praktikant in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. In dieser Zeit erhielt er Einblicke in das Kupferstichkabinett mit der Papierrestaurierung und in die Gemälderestaurierungswerkstatt. Bereits in der elften Klasse hatte Schölzel erfolgreich die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste Dresden für ein fünfjähriges Studium im Fach Restaurierung absolviert. Neben dem Einreichen einer Mappe mit über zwanzig eigenen künstlerischen Arbeiten mussten die Bewerber*innen einen dreitägigen Prüfungsmarathon bestehen, bei dem sie ihre Fähigkeiten unter anderem im Zeichnen und Malen und in einem abschließenden Gespräch beweisen mussten. Heute sei als Bewerber*in im Gegensatz zu damals mit mehr theoretischen Fragen und weniger künstlerischen Aufgaben zu rechnen. Im Studium belegte er neben restauratorischen Kursen auch geisteswissenschaftliche Fächer wie Kunstgeschichte und Architekturgrundlagen, und Zwischenfächer wie beispielsweise Anatomie. „Wir haben drei Jahre sehr intensiv die menschliche Anatomie im Hinblick auf die künstlerische Anatomie studiert.“  Ein großer Bereich im Studium umfasste das freie künstlerische Arbeiten. „Und dann gab es natürlich die Kurse, die wirklich restauratorisch angelegt waren zur Retusche, zur Bildreinigung, zur Leinwandkonservierung, zur Holzkonservierung und schließlich als letztes großes Gebiet kamen die Naturwissenschaften hinzu.“ In unserem Gespräch betont Schölzel immer wieder den naturwissenschaftlichen Aspekt seiner Arbeit, der besonders Kenntnisse in der Chemie erfordere. „Das spielt eine große Rolle in diesem Beruf und sollte auf jeden Fall neben dem Künstlerischen immer mitberücksichtigt und bedacht werden.“ Nach dem dritten Studienjahr habe man sich für eine Spezialisierung in einer der drei Richtungen Restaurierung von Wandmalereien, von Gemälden oder von Skulpturen entscheiden müssen. Angesichts des Vorpraktikums in der Gemälderestaurierungswerkstatt und nach weiteren Praktika im Verlauf des Studiums „hatte ich mich für Gemälde entschieden.“ Die Grundstruktur des Restaurierungsstudiums habe sich bis heute nicht grundlegend verändert.

 

1989 schloss er sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden mit dem Diplom ab. Als er im Frühjahr desselben Jahres auf Stellensuche war, wurde glücklicherweise in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden eine Stelle des Gemälderestaurators frei. Aufgrund seines vorangegangenen Praktikums sei er dem Kollegium bereits bekannt gewesen „und ich hatte großes Glück und habe sofort mit einer festen Anstellung beginnen können.“

Seit über dreißig Jahren ist Schölzel mittlerweile Gemälderestaurator in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Sein Werdegang, „der ist sehr, sehr geradlinig.” Solch eine Geradlinigkeit wäre selten in der heutigen Zeit. In all den Jahren habe es nur zwei Unterbrechungen gegeben: Zu Beginn seiner Festanstellung, im Herbst 1989, sei er für ein Sonderstudium an die Akademie der Bildenden Künste nach Wien gegangen. „Es war gerade diese ganz heiße Wende-Phase, wo ich in Wien zwei Monate war.“ Die zweite Unterbrechung entstand durch einen vierteljährigen Arbeitsaufenthalt 2001 am J. Paul Getty-Museum in Los Angeles. Schölzel restaurierte dort in Konsultation mit den amerikanischen Kolleg*innen das Dresdner Gemälde Die Heilige Familie von Andrea Mantegna (um 1495/1500). Die Liebe zu seinem Beruf schlägt sich auch in seinem 2012 abgeschlossenen Dissertationsprojekt an der Hochschule für Bildende Künste Dresden zum Thema Gemäldegalerie Dresden. Bewahrung und Restaurierung der Kunstwerke von den Anfängen der Galerie bis 1876 nieder.

 

„Wir sind als Gemälderestaurierungswerkstatt für zwei Sammlungen zuständig. Das ist auch ein bisschen ein Sonderfall, dass wir für die Gemäldegalerie Alte Meister und für die Galerie Neue Meister arbeiten.“ Wir fragten Schölzel, welche Aufgaben er, abgesehen von der derzeitigen Leitertätigkeit, in der Gemälderestaurierungswerkstatt der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden innehat. „Meine Aufgabe ist es Gemälde zu restaurieren.“ Das sei eine komplexe Aufgabe, zu der auch die Pflege der Gemälde bis hin zur Kontrolle des Ausstellungs- und Depotklimas gehöre. Hinzu komme der nationale und internationale Ausstellungs- und Leihbetrieb, der in manchen Jahren rund dreißig Prozent der Arbeitszeit einnehme. „Wir sind, wenn Corona es ermöglicht, wirklich weltweit unterwegs mit einzelnen Bildern. Mit ganzen Sonderausstellungen hatte ich die Gelegenheit in Amerika, in Asien, in Europa an großen Häusern zu arbeiten und unsere Ausstellungen mit auf- bzw. abzubauen und die Transporte mit zu begleiten.“ Als weiteren großen Schwerpunkt führt Schölzel die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Sammlungsbeständen an. Dazu gehöre das Untersuchen der Gemälde hinsichtlich der Maltechnik und des Erhaltungszustandes, aber auch die Zusammenarbeit mit Kunsthistoriker*innen an unterschiedlichen Bestandskatalog-Projekten. So arbeitete Schölzel beispielsweise an einem Bestandskatalog zu den Bildern von Lucas Cranach des Älteren, des Jüngeren und der Werkstatt, zur spanischen Malerei in der Dresdner Gemäldegalerie und zuletzt zu den italienischen Gemälden des 13. bis 15. Jahrhunderts mit. 

 

Doch wie läuft eine Restaurierung eigentlich ab? In unserem Gespräch vergleicht Schölzel den Restaurator mit einem Arzt, schließlich seien Restauratoren im 19. Jahrhundert auch „Bilderärzte“ genannt worden. Zu seinen Aufgaben gehöre es, eine Diagnose zu stellen und solche Fragen zu beantworten wie: Welche Schäden hat das Bild? Welche Bedingungen haben zu diesem Zustand geführt? Anhand dieser sogenannten Voruntersuchungen werde eine Konzeption, im Arzt-Vergleich der Therapieplan, erstellt. Nach der folgenden Absprache mit Kolleg*innen, den Kunsthistoriker*innen des Hauses oder dem Direktor werden die praktischen Maßnahmen am Gemälde ausgeführt. „Das sind die komplexen Restaurierungen im Unterschied zu kleinen Pflegemaßnahmen, die wir natürlich nicht so aufwendig durchführen, die aber hin und wieder auch nötig sind.“

Sein Beruf vereine auch viele künstlerische Aspekte. Neben der künstlerischen Begutachtung oder Beurteilung eines Werkes, müsse man auch in der Lage sein, selbst Rekonstruktionen vornehmen zu können. Letzteres habe er in seiner Laufbahn aber erst wenige Male vorgenommen – sprich, ein kleines Figürchen in einem Bild rekonstruiert oder einen Pferdekopf wieder vervollständigt, „aber das sind die völligen Ausnahmen“. Denn grundsätzlich stehe die Bewahrung der materiellen Substanz eines Kunstwerkes im Vordergrund. „Also es gibt ein Grundprinzip bei uns, dass Konservierung vor Restaurierung kommt.“ Diesem Grundprinzip folgend, habe die Bestandspflege oberste Priorität und erst danach erfolge die Auswahl, welches Werk zu welchem Zeitpunkt restauriert werden soll. Dabei werde im Museum in den meisten Fällen „auf den Ausgangszustand hin restauriert.“ Im Fall von Johannes Vermeers Gemälde Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster (1657–1659), sei diese Vorgehensweise intensiv in einer Expertenrunde diskutiert worden und wäre nicht zwingend vorausgesetzt gewesen. Es wurde „dann festgestellt, alle Vermeer Gemälde in dieser Welt sind eigentlich unter dem Kriterium der Wiederherstellung der ästhetischen Einheit des Gemäldes restauriert worden.“ Hin und wieder entscheide man sich aber auch bewusst dazu, Beschädigungen oder den fragmentarischen Charakter der Werke zu zeigen.

 

An den Druck, in die materielle Struktur eines Kunstwerkes einzugreifen, müsse man sich gewöhnen. Das lerne man im Laufe des Studiums und vor allem in der Praxis in den Restaurierungswerkstätten. Selbstverständlich arbeite man nicht sofort an den besonderen Werken, sondern taste sich zunächst langsam heran, damit man „sich dann auch daran gewöhnt, dass man mit dieser kostbaren originalen Substanz umgeht.“  Schölzel verfolge dabei immer das Motto: „Wenn es schwierig wird, muss man langsamer und kleinteiliger werden. Dann muss man alles immer wieder prüfen.“

Heute lässt er sich bei der Arbeit auch gern´mal über die Schulter schauen, wenn zum Beispiel ein Arbeitsfilm über seine Restaurierungen entsteht, wie bei dem Gemälde Landschaft mit dem Urteil des Midas von Gillis van Coninxloo (1598) oder bei Vermeers Werk Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster. „[…] Eine ausgesprochen gute Möglichkeit, um zu zeigen, was da eigentlich an diesen Werken geschieht. […] Dieses Filmen sehe ich einerseits als eine Dokumentationsmöglichkeit und andererseits auch als einen sehr direkten und modernen Weg, mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu kommen.“

Was ihm an seiner Arbeit besonders gefalle? Das sei einerseits die intensive und direkte Auseinandersetzung mit den Kunstwerken, „den Kontakt mit den Kunstwerken zu haben ohne Kontaktbeschränkung“. Andererseits sei es der Austausch mit einem Team aus Fachleuten zu einer speziellen Fragestellung, denn grundsätzlich müsse man bei jeder Restaurierung eigene Wege finden. „Es gibt ein gewisses Grundschema, aber je nach Objekt wird dieses Grundschema modifiziert und man sucht den günstigsten Therapieplan zu wählen.“

 

„Da gab es nicht nur eins“, antwortet Schölzel auf die Frage nach einem persönlichen Highlight in seiner bisherigen Laufbahn. Zum einen sei hierzu die Restaurierung des großformatigen Gemäldes Der Triumph des Bacchus (1540) des Renaissancekünstlers Benvenuto Tisi, genannt Garofalo, anzuführen. Mit Unterbrechungen habe er insgesamt sieben Jahre an dem stark beschädigten Gemälde gearbeitet. Und zum anderen die bereits zuvor erwähnte Restaurierung von Andrea Mantegnas Gemälde Die Heilige Familie im J. Paul Getty Museum. „Und schließlich als drittes Highlight möchte ich natürlich Johannes Vermeers ‚Brieflesendes Mädchen’ erwähnen.“ Die Arbeit an Vermeers Gemälde habe 2017 begonnen und befinde sich aktuell in der Schlussphase. Ursprünglich war Mitte März 2021 eine Ausstellung rund um dieses Gemälde und die Restaurierung geplant. Aufgrund der aktuellen Beschränkungen in der Corona-Pandemie musste das Ausstellungsvorhaben auf Anfang Juni 2021 verschoben werden „und wir hoffen sehr, dass es dann wirklich stattfinden kann“.

 

Abschließend resümiert Schölzel mit seinen über dreißig Jahren Berufserfahrung: „Für mich persönlich ist das ein sehr komplexer und damit auch sehr interessanter Beruf, wo man sich von vielen verschiedenen Seiten den Kunstwerken nähern kann, wo man auch selbst handwerklich oder manuell tätig wird, wo man selbst sich mit Theorie und mit wissenschaftlichen Themen, auch naturwissenschaftlichen Themen, beschäftigt. Und dieses Konglomerat aus sehr unterschiedlichen Themen immer auch zu modifizieren und auf die jeweiligen Objekte anzuwenden, das finde ich ausgesprochen spannend.“

 

Wer überlegt, den Weg zum*r Gemälderestaurator*in einzuschlagen, sollte Schölzel zufolge eine künstlerische Begabung im Zeichnen und Malen und auch Begeisterung für die Auseinandersetzung mit Kunstwerken mitbringen. Das benötigte Wissen in den naturwissenschaftlichen Bereichen sei dabei nicht zu unterschätzen, betont er nachdrücklich.  

Den jungen Kunsthistoriker*innen rät er, sich mehr mit den Materialien, aus denen die Kunstwerke bestehen, auseinanderzusetzen, um diese besser verstehen zu können. „Denn vieles in den Kunstwerken ist eigentlich aus dem Material heraus entstanden. Der Künstler konnte gar nicht anders.“

 

Damit bedanken wir uns herzlich bei Dr. Christoph Schölzel für den Einblick in seine Arbeit und wünschen ihm weiterhin viele spannende Aufgaben. 



- Annika Kurzhals, veröffentlicht am 26. März 2021