Dr. Esther Gajek
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Universität Regensburg

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© Peter Ferstl

1962 wird Dr. Esther Gajek in Frankfurt am Main geboren. Als ihr Vater zehn Jahre später an die Universität Regensburg berufen wird, zieht die ganze Familie nach Regensburg. Nach dem Abitur begann sie zunächst ein Germanistikstudium an der hiesigen Universität. Eher zufällig stieß sie dann auf die Volkskunde. Eine Kommilitonin habe sie nach dem ersten Studienjahr mit in eine Vorlesung der Volkskunde genommen und „[…] da habe ich von der ersten Stunde an gewusst, das ist genau meines. [...] Da war ich total Feuer und Flamme. Und das bin ich bis heute für das Fach.“ Nach zwei Semestern in Regensburg zog sie nach München. An der Ludwig-Maximilians-Universität München studierte sie dann Volkskunde im Hauptfach und Kunstgeschichte im Nebenfach. Damals habe es rund 8.000 Studierende am kunsthistorischen Institut gegeben, weshalb im ersten Semester wohl bereits 80% ausgesiebt worden seien. Zudem seien die Bibliothekszustände verheerend gewesen und ein nächtliches Anstehen für die Kursanmeldung üblich. Den damaligen Bedingungen am kunsthistorischen Institut wollte Gajek sich nicht dauerhaft aussetzen, also wechselte sie erneut und entschied sich letztlich für die Fächerkombination Deutsche und Vergleichende Volkskunde, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Im Besonderen habe sie die maximale Betreuung durch die Dozierenden des kleinen Volkskunde-Institutes mit rund fünfzig bis siebzig Studierenden geschätzt: „das war fantastisch!“. Thematisch habe sie hier größte Freiheit genossen. „Ich habe mich da reingestürzt und teilweise ein halbes Jahr an einer Hauptseminararbeit gearbeitet.“ 

 

Schon von Kindesbeinen an sammelte Gajek mit Leidenschaft die unterschiedlichsten Gegenstände. Besondere Faszination übten Adventskalendern auf sie aus. Daher habe sie diese nach den Weihnachtstagen stets behalten. Mit der Zeit erhielt sie dann auch ältere Kalender, allerdings nie Historische. Als die damals 23-Jährige während ihres Studiums dann durch Zufall eine Münchner Galerie entdeckte, die eine Sammlung historischer Adventskalender zum Verkauf anbot, ist sie begeistert. Den Wert und die Bedeutung der Ausstellungsstücke kennend, habe sie beinahe den gesamten Bestand dieses Nachlasses des ersten Adventskalenderverlages aufgekauft. Den Wunsch hegend, die neu gewonnenen Schätze auszustellen, sprach sie das Stadtmuseum München an. Denn vom Museumswesen sei sie schon immer begeistert gewesen. „Ich habe fast in jedem Semester ein Praktikum im Museum gemacht.“ Die dortige Kuratorin ermutigte sie zunächst dazu, einen Aufsatz über die Kalender zu verfassen. Beim Schreiben von diesem sei ihr klar geworden, dass die Thematik durchaus Potenzial zur Magisterarbeit habe. 1988 schließt sie ihr Magisterstudium dann mit der Arbeit Adventskalender aus Münchner Vorlagen ab. 

 

Im Rahmen eines universitären Seminars mit dem Bayerischen Nationalmuseum sammelte Gajek weitere Erfahrungen im Museumswesen und stellte gleichzeitig den Kontakt zur dortigen Kuratorin Dr. Nina Gockerell her. Weil Gajek die Museumsarbeit so gefiel, habe sie angeboten, bei kommenden Ausstellungen unentgeltlich mitzuhelfen. Die Kuratorin ließ sich darauf ein. Gajek empfiehlt aus dieser Erfahrung heraus: „Sich unbedingt melden, wenn man Interesse hat. Nicht hinter dem Berg halten.“ Nachdem das Stadtmuseum weiterhin zögerte, schlug die mittlerweile 25-jährige Studentin der Kuratorin Gockerell vor, die Adventskalenderausstellung im Bayerischen Nationalmuseum zu realisieren - „das war auch ziemlich vermessen.“ Den Stellenwert des Themas als publikumswirksame Weihnachtsausstellung erkennend, ließ man sich darauf ein und sie erhielt eine Zusage des damaligen Direktors Johann Georg Prinz von Hohenzollern. Weil sie selbstbewusst für ihre Wünsche einstand, durfte sie 1988 die Eröffnungsrede halten. Zufrieden resümiert sie nach über drei Jahrzehnten: „Es klingt wie ein Märchen. Man muss sich hinstellen und total freundlich, aber direkt, sagen, was man gerne machen möchte. Und dann gehen auch Türen auf.“

 

Im Anschluss an ihren Magister erhielt sie eine halbe Promotionsstelle und war fünf Jahre als Assistentin am Institut für deutsche und vergleichende Volkskunde an der LMU München tätig. Als Assistentin habe sie vor allem mit Studierenden Ausstellungen in der institutseigenen Bibliothek realisiert. Ganz getreu dem Motto „learning by doing“ seien mit den Studierenden die Ausstellungsvorhaben inklusive Eröffnung, Werbung und Publikation geplant worden. In ihrem ersten Entwurf für eine Dissertation befasste sie sich mit der nationalsozialistischen Weihnacht. Jedoch sei ihr eine Hamburger Kollegin in der Auseinandersetzung mit dem Thema zuvorgekommen. So schwenkte sie ihr Thema um und entschied über einen nationalsozialistischen Volkskundler zu promovieren. Doch auch das zweite Dissertationsprojekt blieb unvollendet. Geschuldet sei dies zum einen der unerfreulichen Thematik gewesen. Zum anderen habe sie das Ausstellungswesen nie ganz losgelassen und sie habe das dann dem Promotionsvorhaben vorgezogen. Eine Professur habe sie sich damals nicht vorstellen können, sodass sie 1994 die Universität ohne Promotion verlässt und sich gänzlich den Ausstellungen gewidmet. „Am Anfang des Studiums habe ich gedacht, ich mache Hochschulkarriere und dann habe ich aber gemerkt, es ist nicht meines.“

 

Im selben Jahr entschließt sie sich mit einer Agentur für Wanderausstellungen selbständig zu machen. Dieses Vorhaben habe sich mit der Zeit angebahnt. Zu Beginn sei dies aber nicht immer leicht gewesen, schließlich habe sie trotz ihrer bisherigen praktischen Erfahrungen den Beruf nie erlernt. „Ich habe mir ja immer alles selber beigebracht.“Heute würde Gajek das nicht mehr empfehlen. Was sie Studierenden stattdessen rät? In einer größeren Ausstellungsagentur zu arbeiten oder gleich nach dem Master bzw. der Promotion ein Volontariat im Museum anzutreten, um die Arbeit von der Pike auf zu lernen.

 

Mit den Jahren gewann sie deutschlandweit Museumspartner für ihre Ausstellungen. Gleichzeitig baute sie ein Netzwerk an Sammler*innen auf, wodurch sich ein breites Spektrum an Ausstellungsthemen ergab. „Das war ein harter Weg. Aber ich hatte super Kontakte. [...] Das Bayerische Nationalmuseum war natürlich der unglaubliche Türöffner.“ Neben der Akquise neuer Sammler*innen und der Inventarisierung von Sammlungen übernahm sie die Vermittlung an die Museen, die Erstellung von Konzepten sowie den Ausstellungsaufbau und -abbau. Bis 2011 warGajek mit ihrer Agentur für Wanderausstellungen selbständig. In der Zwischenzeit zog sie mit ihrem damaligen Mann von München nach Regensburg und bekam drei Kinder. Das sei keine einfache Zeit gewesen, weil sie weder Mutterschutz noch Elternzeit hatte. „Nicht perfekt, aber habe ich auch geschafft!“

 

In den Jahren von 2001 bis 2010 war sie parallel als Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg tätig. Nachdem Professor Daniel Drascek 2001 an die Universität in Regensburg berufen wurde, habe er den Kontakt zu ihr aufgenommen. Grund dafür sei ihre langjährige Tätigkeit in der eigenen Ausstellungsagentur gewesen, aber auch die früheren didaktischen Erfahrungen mit Studierendenausstellungen. Mit dem Ausbau des Lehrstuhles wurde Gajek eine Stelle als Lehrkraft für besondere Aufgaben in Aussicht gestellt. Allerdings gab es eine Voraussetzung: Sie müsse promovieren. Da sie zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein sollte, um die Stelle zu erhalten, blieb ihr letztlich jeweils nur ein Jahr für Forschung und Schreiben. Unterstützung bei den mittlerweile schulpflichtigen Kindern habe sie sowohl von ihrem damaligen Ehepartner als auch von Au-Pairs erhalten, sodass sie im Juli 2010 zum Thema Seniorenprogramme an Museen. Eine ethnographische Annäherung an die Diversität der Erfahrungen der Teilnehmer. promovierte. Ohne viel Disziplin und Nachtschichten wäre das ganze Unterfangen allerdings nicht möglich gewesen. Die Promotion habe sie sich durch Erspartes finanziert, da sie in dieser Zeit kaum Aufträge annahm. Motivation habe sie in der Aussicht auf eine Festanstellung gefunden. 

 

Wieso nun aber zurück in die Universität und die Lehre? In den Jahren vor 2008 stellte sie einen Wandel in der Museumsbranche fest: Museen seien immer anspruchsvoller geworden und verlangten immer mehr Leistung bei weniger finanziellen Mitteln. Hinzu kam ein ganz anderer Grund: Der Ausstellungsaufbau und –abbau ist harte körperliche Arbeit.

 

„Und irgendwann habe ich auch gesagt, ich möchte eigentlich wieder zurück in die Lehre. Mir macht es schon Spaß, auch der Umgang mit jungen Menschen, die ich fördern und denen ich helfen kann.“

Seit März 2011 ist Gajek Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Universität Regensburg mit einem Deputat von 17 Semesterwochenstunden. Besonders schätze sie die große Freiheit in der Lehre und die gemeinsamen Exkursionen mit ihren Studierenden im In- und Ausland. „Ich arbeite gerne in großem Freiraum. Und ich arbeite gerne – das ist schon seit meiner Kindheit so – an Sachen, die mir Spaß machen. Und dann knie ich mich auch wahnsinnig rein. Ich konnte mir immer aussuchen, was ich machen durfte - bis heute. Das ist ein ungeheures Privileg.“ Nach vielen Jahren der Freiberuflichkeit mit unregelmäßigen Einkommen und Arbeitszeiten empfinde sie die Festanstellung bis heute als „großes Glück“. Mit einem zufriedenen Lächeln zieht Gajek Bilanz: „Ich bin da wirklich im Traumjob angekommen!“

 

Wir bedanken uns herzlich bei Dr. Esther Gajek für den Einblick in ihren Werdegang und wünschen ihr weiterhin viel Freiheit, um sich mit dem beschäftigen zu können, was ihr Freude bereitet.


- Annika Kurzhals, veröffentlicht am 26.Februar 2021