Dr. Gilbert Lupfer

Vorstand Deutsches Zentrum Kulturgutverluste

In Stuttgart geboren, verschlug es Prof. Dr. Gilbert Lupfer in den 1980er Jahren an die Eberhard-Karls-Universität nach Tübingen, um Kunstgeschichte zu studieren. Wie er es von da aus zu drei Jobs in zwei Städten schaffte und dass Taxifahren bei Kunsthistorikern*innen nicht nur ein Klischee sein muss, erzählte er uns in einem spannenden Interview. 

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Zunächst studierte Lupfer Sozialarbeit an der Fachhochschule Fulda. Nach dem bestandenen Diplom arbeitete er als Sozialarbeiter beim Stuttgarter Jugendamt im Bereich Kinder- und Jugendarbeit. Schnell wurde ihm klar, dass es noch mehr gibt, was er machen möchte. Seinem Interesse an Geschichte und Kunstgeschichte folgend, begann er in diesen Bereichen einen Magister in Tübingen. „Ich habe mich schon lange für die Geschichte der Kunst und auch die gesellschaftlichen, sozialen, politischen Bedingungen für Kunst interessiert. […]“. Der Wechsel zur Kunstgeschichte wurde nicht von allen in seinem persönlichen Umfeld mit Wohlwollen aufgenommen. Weshalb eine gesellschaftlich, sinnvolle Tätigkeit aufgeben und etwas eher augenscheinlich Sinnfreies machen? Für Lupfer stellte sich diese Frage nie. Er ging voll und ganz in seinem zweiten Studium auf. Denn hier konnte er sein Interesse für Reisen, Architektur, Museen und Kunstwerke mit einer beruflichen Perspektive verknüpfen.
Zur Finanzierung seines Studiums, arbeitete Lupfer „lange und durchaus mit Überzeugung“ als Taxifahrer und sammelte als Reiseleiter praktische Erfahrung im Bereich der Vermittlung - beispielsweise bei Studienreisen. Neben diesen Jobs ein meist unentgeltliches Praktikum zu machen, kam ihm damals nicht in den Sinn. Praxiserfahrung erhielt er während seines Studiums vielmehr in praxisorientierten Seminaren. In Bezug auf die heutige Situation lässt Lupfer jedoch verlauten: „Du brauchst Sachen, die dich abheben von anderen. Ich denke, Praktika sind da schon ein sehr wichtiger Weg.“ Der erste berufliche Einstieg in die Kunstwelt erfolgte nach dem Magister mit einen Werkvertrag beim Stadtmuseum Tübingen. Seine Aufgabe bestand darin, einen Künstlernachlass zu sichten und materiell zu bewerten. 

 

1995 entschied er sich, im Hinblick auf seinen beruflichen Traum eines Hochschullehrers, dazu, in Tübingen zu promovieren. Thematisch griff er aus pragmatischen Gründen das Thema seiner Magisterarbeit auf und beschloss die dort begonnene Untersuchung der Architektur der 1950er Jahre auszuweiten und zu vertiefen. Es sei die Architektur, mit der er aufgewachsen ist und welche die Städte seiner Kindheit prägte.

 

1993 nahm ihn sein Tübinger Doktorvater Prof. Dr. Jürgen Paul als wissenschaftlicher Assistent mit ans Institut für Kunst- und Musikwissenschaft der Technischen Universität Dresden. Dort arbeitete er seinem Professor zu, vertrat ihn, leitete eigene Seminare und betreute Diathek und Hilfskräfte.
2002 begann Lupfer entgegen seines bisherigen Architekturschwerpunktes eine Habilitationsschrift zur Figurativen Malerei und zur Historienmalerei in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1961 und 1989.

Zur selben Zeit ging seine Assistenz zu Ende. Parallel zu seiner Habilitation konnte er aber weiterhin Seminare an der TU Dresden geben und Veranstaltungen zur Provenienzforschung und Kunst im Dritten Reich durchführen. Dem Institut blieb er so stets verbunden. Sein unentwegtes Engagement wurde 2007 mit der Verleihung einer außerplanmäßigen (apl.) Professur für Kunstgeschichte gewürdigt. Ein außerplanmäßiger Professor ist ein unentgeltliches Institutsmitglied mit einer Lehrverpflichtung von zwei Wochenstunden pro Semester und der Betreuung von Abschlussarbeiten.

 

2004 boten ihm die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) die Leitung des Forschungsprojektes Museum und Kunst in totalitären Systemen zur Geschichte der SKD zwischen 1918 und 1989 an. Entgegen seines ursprünglichen Planes eine universitäre Laufbahn einzuschlagen, wechselte er ans Museum. Die Untersuchung der Museumsobjekte zu Beginn der 2000er Jahre hatte Lücken in deren Historie hervorgebracht, die es zu untersuchen und im Bestfall zu schließen galt. Zeitgleich entwickelte sich in Deutschland ein größeres Interesse an der Thematik der Provenienzforschung. Lupfer erinnerte sich an sein erstes Treffen des Arbeitskreises Provenienzforschung in Leipzig zurück:“Da war das noch eine Sache für ganz wenige Leute und nicht mit heute zu vergleichen.“
Sein Weg zur Provenienzforschung war keineswegs geplant, sondern ergab sich sukzessive. Zu Beginn seines Studiums waren Fragen nach der Herkunft, Datierung und Zuschreibung von Werken keineswegs unbekannt, aber die Provenienzforschung als eigenständiger Begriff und in seiner heutigen, politischen Dimension sei damals noch nicht vorhanden gewesen. Auch während seiner Assistentenstelle an der TU Dresden sei das kein Thema gewesen. Erst an den SKD wurde er mit damit konfrontiert. Zur Zeit des Nationalsozialismus gelangten beschlagnahmte und eingekaufte Kunstwerke für Hitlers Führermuseum in Linz zur Inventarisierung, Restaurierung und Weiterleitung in die Dresdener Depots. Lupfer resümiert das Vorhaben des Forschungsprojektes:“Und da war einfach der Punkt: Wir müssen das aufarbeiten, wir müssen genau hingucken. Das war damals Anfang der 2000er Jahre. Da gab’s auch viele Gerüchte, es gebe hunderte von Gemälden, die Raubkunst wären im Depot der Kunstsammlungen, die da für Linz erworben wären und die jetzt dort noch versteckt wären. Das musste einfach aufgeklärt werden, man wusste es schlichtweg nicht.“ 

2008 übernahm Lupfer das Daphne-Projekt für Provenienzforschung, elektronische Bestandserfassung und Generalinventur, das in Zusammenarbeit von den SKD, dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Finanzministerium Sachsen entstand. Ausgangspunkt waren damals zwölf Museen der SKD mit einem Gesamtbestand von 1,2 Millionen Objekten. Eine systematische Erfassung der aktuellen Bestände war unabdingbar. „Du kannst nicht systematische Provenienzforschung machen, wenn es kein Inventar gibt. Wenn du nur ungeordnete Karteikarten hast. Das war damals ein Modellprojekt in Deutschland, aber auch weit darüber hinaus.“ Zu dieser Generalinventur kam die systematische Herkunftserfassung der Erwerbungen der SKD seit 1933.
Das Projekt soll voraussichtlich Ende 2021 abgeschlossen sein. „Was nicht heißt, dass wir alle Provenienzen geklärt haben - bei Weitem nicht. Man stellt oft Lücken fest. Man stellt fest, man kommt nicht weiter. […] Bei Manchen wird sich diese Lücke nie schließen lassen.
Seit 2013 leitete Lupfer zugleich auch die Abteilung Forschung und wissenschaftliche Kooperation, in die das Daphne-Projekt integriert ist.

Auf Grund seiner Dresdener Tätigkeit war Lupfer bereits früh auf Bundesebene in Provenienzforschungsprojekte und die Entwicklung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste als Förderbeirat eingebunden. Die Geschichte der Stiftung wurde 1994 mit der Gründung der Koordinierungsstelle der Länder für die Rückführung von Kulturgütern in Bremen begonnen. Vier Jahre später wurde die Koordinierungsstelle in Magdeburg als zentrale deutsche Serviceeinrichtung für Kulturgutverluste etabliert. Erst 2015 kam es zu der Gründung des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste als Stiftung bürgerlichen Rechtes mit Sitz in Magdeburg. 2017 wurde er in die Stelle des ehrenamtlichen Vorstandes berufen. Im Mai diesen Jahres erhielt er den hauptamtlichen Vorsitz der Stiftung, weshalb er seitdem bei den SKD nur noch als freiberuflicher Berater arbeitet.
Die Stiftung fördert eine Stärkung und Ausweitung der Provenienzforschung, die transparente Dokumentation von Forschungsergebnissen und Unterstützung bei der Beratung und Vernetzung. Dies alles wird durch finanzielle Unterstützung des Bundes ermöglicht. „Provenienzforschung ist nicht nur etwas, was man im stillen Kämmerlein macht, […] sondern es ist wichtig, dass man das auch öffentlich macht. Dass Provenienzforschung auch eine Tätigkeit ist, für die sich die Öffentlichkeit […] interessier[t], die man auch transparent machen muss.“ Gegenwärtig wird dabei nicht nur die Wichtigkeit der von den Nationalsozialisten entzogenen Kunst und Kulturgüter aufgezeigt, sondern auch der Bereich der Kulturgüter der sowjetischen Besatzungszone und der DDR neu aufgebaut. Eine weitere große Herausforderung besteht zudem in kolonialen Kontexten. Lupfer sieht „Provenienzforschung als ein Beitrag zu dem, was man manchmal als Erinnerungskultur bezeichnet. Davon ausgehend, dass die letzten Zeitzeugen des Holocausts nach und nach sterben und, dass da etwas wegfällt an unmittelbarer Vermittlung und dass man irgendwie schauen muss, wie man diese Erinnerung trotzdem wach hält und zu schauen, welche Rolle können da zum Beispiel Kunstwerke als Vermittler einnehmen.“

Auf die Frage, inwiefern seine Dresdener Museumserfahrung ihm bei seiner Stiftungsarbeit hilft, antwortete er:“Ungemein, davon profitiere ich jeden Tag. Also von meinen Erfahrungen in der Provenienzforschung, in der Projektorganisation, in der Digitalisierung - das ist sozusagen unbezahlbar die Erfahrung in jedem Bereich. Ich komme einfach aus dem Museumsbereich. Ich weiß wie ein Museum funktioniert.“ Er fügte allerdings hinzu:"Ich war nie sozusagen mit Haut und Haaren so ein Museumsmensch, der nur noch Museum sieht und einen Bestand sieht und nicht drüber hinausschaut. Das war vielleicht immer mein Vorteil. Obwohl ich in der Institution gearbeitet habe, […] [dass] ich immer noch so eine gewisse Distanz hatte. Ich wurde nicht von den Objekten im guten, wie im negativen Sinn völlig aufgefressen.“ Überdies ist er weiterhin als apl. Professor an der TU Dresden tätig.

Wir haben Lupfer abschließend gefragt, was er Studierenden empfiehlt, die sich für die Provenienzforschung interessieren: „Provenienzforschung ist überhaupt nicht nur eine Sache für Spezialisten*innen. Damit sollte sich jede*r befassen. Also jede*r der*die Kunstgeschichte studiert, sollte mal was von Provenienzforschung gehört haben. […] Es ist ein integraler Bestandteil der Kunstgeschichte und der Museumsarbeit.“ Neben diesem Feld solle man sich auf ein weiteres inhaltliches Themenfeld fokussieren. Man solle sich breit aufstellen und vielleicht nicht nur auf einen Bereich spezialisieren, für den sich viele interessieren, wie beispielsweise die Malerei.
Lupfer schaffte es durch seine jahrelange Erfahrung in verschiedenen Bereichen zu einem bunten Lebenslauf, der zeigt, dass es wichtig ist, seiner Leidenschaft zu folgen, aber auch zufälligen Gegebenheiten eine Chance zu geben. 

Wir bedanken uns herzlich bei Herrn Prof. Dr. Lupfer für seine Zeit und wünschen Ihm für seine Zukunft alles erdenklich Gute!

- Hannah Steinmetz, veröffentlicht am 11. Dezember 2020