credit Marina Ackar.jpeg

Dr. Mahret Ifeoma Kupka

Kuratorin für Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

Eigentlich war mein Traum immer, Architektin zu werden.“

Das ist Mahret Kupka zwar nie geworden, Räume gestaltet sie in ihrem Beruf als Kuratorin am Museums Angewandte Kunst dennoch. Nach dem Abitur schrieb sich die gebürtige Hanauerin zunächst an der Frankfurter Goethe-Universität in ein Studium der Kunstgeschichte, Politikwissenschaften und Germanistik ein. „Das habe ich aus reinem Interesse angefangen. Ich hatte kein klares Ziel, was ich damit mache.“ Vermutlich ihrem Jugendtraum geschuldet, einmal als Architektin zu arbeiten, lag ihr damals insbesondere die Baukunst am Herzen. „Ich war dann irgendwann Expertin für gotische Architektur.“, erzählt sie uns lachend.

Im Laufe ihres Grundstudiums – Kupka studierte noch auf Magister – wechselte sie nach Stuttgart. Richtig zufrieden mit dem Studium sei sie jedoch nicht gewesen.

 © Marina  Ackar

Ihr fehlte der Austausch und sie wollte mehr Kontakt zu praktisch Arbeitenden. Außerdem war ihr das klassische Studium zu wenig an zeitgenössischen Diskursen ausgerichtet. Daher recherchierte sie nach Alternativen, wobei sie auf die Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe stieß, und entschied, ihr Studium hier in den Fächern Kunstwissenschaft und Medientheorie sowie Ausstellungsdesign und kuratorische Praxis fortzusetzen. „Das war genau das, was ich suchte.“      

Während ihres Studiums in Karlsruhe lebte sie in Heidelberg, wo sie als Theorie-Nebenfach Volkswirtschaftslehre hinzunahm. Was sie mit dieser Fächerkombination anfangen würde? „Das war tatsächlich noch alles sehr offen.“ Kunst habe in ihrer Familie nie eine große Rolle gespielt. Dieser Background sei ihr hinsichtlich ihrer beruflichen Ziele immer wieder bewusst geworden. „Ich hatte sehr viel Wissen einfach nicht, was ich z.B. mit den ganzen Dingen, die mich interessieren, beruflich hätte machen können.“ Rückblickend mache es aber schon Sinn, wie alles gekommen sei. „Ich bin sehr froh, dass sich alles so entwickelt hat. Die Umwege und das Ausprobieren haben mich viel gelehrt.“

Ein wichtiger Schritt in ihrem Werdegang war die Gründung ihres Modeblogs fnart.org (später modekoerper.com) während ihres Studiums im Jahr 2006. Sie begeisterte sich schon lange für Mode. Bis dahin war der Austausch über darüber hauptsächlich über vereinzelte, internationale Foren erfolgt, etwa die Website The Fashion Spot, die auch heute, wenn auch in anderer Form, noch existiert. Hier wurden Fotos von Modestrecken hochgeladen und mit anderen Forumsteilnehmer*innen diskutiert. „Das war eine riesige, internationale Wissensdatenbank über Mode.“ Daraus habe sich die Bloggerszene Mitte der 2000er Jahre professionalisiert: Leute, die dort sehr aktiv waren, starteten nun ihre eigenen Blogs. Kupka gehörte in Deutschland zu einer der ersten Modebloggerinnen, weshalb sie zunächst noch auf Englisch, später, als die deutsche Szene größer wurde, auf Deutsch schrieb. Rückblickend scheint dieser Blog die Basis für alles, was danach kam, zu bilden.

„Mir hat das beim selbständigen Arbeiten geholfen. Ich war quasi alles in einem: Autorin, Herausgeberin, Fotografin. Ich musste die Themen selbst finden, mit Leser*innen im Austausch sein. Das hat mir damals ziemlich viel beigebracht.“

Als Blogs auch für Unternehmen interessant wurden, folgten schnell Einladungen zu Events.

Den Magisterabschluss in der Tasche zog sie dann nach Berlin und verdankte ihren ersten Job ihrer Tätigkeit als Bloggerin. Man hatte sie angesprochen, ob sie nicht Lust hätte, für den Modeblog Twoforfashion des Versandunternehmens Otto Artikel zu schreiben. Zunächst unsicher, ob sie das Angebot wirklich annehmen sollte, bereut sie die Entscheidung im Nachhinein in keinem Fall; „[…] weil ich hier noch einmal ganz andere Einblicke bekommen habe.“ Dort bekam sie mit, wie man Mode auch einer breiteren Masse vermittelt. Zwei Jahre machte sie diesen Job, dann wurde ihr klar, dass ihr Weg ein anderer sein sollte. Sie wollte nicht mehr nur Mode zeigen, sondern auch inhaltlich dazu arbeiten und schreiben.

Das war auch der Zeitpunkt, an dem sie sich zu einer Promotion entschied. Das Vorhaben ergab sich eher aus Zufall, die Anregung kam von ihrem ehemaligen Professor aus Karlsruhe, Wolfgang Ullrich. Die Arbeit behandelte Modeblogging als Revolutionsmoment in der Mode. „Ich sah die Möglichkeit, intensiver und länger an einem Thema zu arbeiten.“ Hierfür konnte sie tief aus ihren eigenen Blog-Erfahrungen sowie ihrer Arbeit für Otto schöpfen. Sie hatte zu dieser Zeit darüber hinaus einen Lehrauftrag für Modetheorie an der Akademie für Mode und Design und gab Kurse zu modejournalistischem Schreiben. Auch diese Stelle hatte sich durch ihren Modeblog, bzw. das dadurch aufgebaute Netzwerk ergeben. Zwar ermöglichten ihr diese Stelle sowie die Dissertation, wieder Anschluss an die akademische Welt zu finden. Dass sie an diesem Punkt ihres Werdeganges allerdings doch noch einmal eine rein akademische Laufbahn einschlagen würde, das sei nie wirklich in Frage gekommen. „Es hat sich auch einfach nicht ergeben. Ich bin immer sehr nach meinem Gefühl gegangen. Ich hatte in meinem Kopf gar keine konkrete Karrierevorstellung.“ Go with the flow. So lässt sich Kupkas Werdegang wohl am besten beschreiben. Impulsen folgen und Gelegenheiten nutzen, wenn etwas begeistert. Angst vor der Zukunft habe sie nie gehabt. „Ich war immer positiv gestimmt: ‚Da wird sich schon was ergeben.‘“

Und sie sollte recht behalten: Im Laufe ihrer Promotion stellte Ullrich, mittlerweile ihr Doktorvater, Kupka dem Direktor des Frankfurter Museums Angewandte Kunst, Matthias Wagner K, vor. Dieser hatte seine Stelle gerade erst angetreten und große Veränderungen mit dem Haus vor, für welche er ein neues Team aufstellte. Schnell sei klar gewesen, dass beide ähnliche Vorstellungen zum Thema Mode und ihrer Präsentation im Museum, jenseits der klassischen Modeausstellung, hatten. Kupka hatte während des Studiums in einer Galerie und im Heidelberger Kunstverein gearbeitet und dadurch bereits Einblicke in die Ausstellungsarbeit erhalten. So begann sie 2012 in Frankfurt als Gastkuratorin, denn bisher war Mode kein fester Schwerpunkt am Haus gewesen. Die erste von ihr kuratierte Ausstellung Draußen im Dunkel. Weitermachen nach der Mode sei der Auftakt zur festen Verankerung der Mode im Museum gewesen. Als eine Kuratorin am Haus ein halbes Jahr später in Rente ging, bewarb sie sich auf deren Stelle und wurde feste Kuratorin für die neu gegründete Abteilung Mode, Körper und Performatives. „Irgendwie bin ich da so reingerutscht, worüber ich jetzt natürlich sehr froh bin.“ Seitdem hat sie zahlreiche Ausstellungen zu dem Thema miterarbeitet.

In ihrem Beruf sei ihr immer wichtig, nicht nur die Mode selbst, sondern die Prozesse und Kontexte sichtbar zu machen. Vor allem Grenzbereiche, also dort, wo etwa Kunst und Mode verschwimmen, interessierten Kupka. Rückblickend sei ihr Kunstgeschichtsstudium sicher prägend gewesen für die Art, wie sie heute arbeite. Es sei gut und wichtig, diese Grundlage haben, Dinge begreifen und einordnen zu können. Zwar hätten sie eben immer schon die Grenzbereiche und zeitgenössischen Diskurse mehr gefesselt als die historische Kunstgeschichte. Nichtsdestotrotz sei sie im Grunde genommen erst durch die Kunst zur Mode gekommen. „Ich habe Mode immer kunstförmig betrachtet und mein Grundstudium war sehr wichtig, um eine gewisse Basis an Referenzwerten zu haben.“ Kein Wunder, dass sich ihre Ausstellungen dadurch manchmal in gewisser Weise klassischen Kunstausstellungen annähern würden. Als Kuratorin sei ihr Anliegen Neues zu vermitteln, Besucher*innen Perspektiven anzubieten. „Ich glaube, dass ich mit dem, was ich mache, zu einer Entwicklung beitragen kann. Ich möchte Menschen nicht belehren, sondern Angebote zum Lernen, Auseinandersetzen und Verstehen machen. Ich sage immer, dass es mich freut, wenn Menschen mit mehr Fragen aus der Ausstellung gehen als sie gekommen sind. Ich möchte eine Neugierde wecken. […] Vielleicht auch, weil ich bei allen Ausstellungen, die ich mache, selbst immer auch etwas Neues lerne.“

Ihr normaler Arbeitsalltag in präpandemischen Zeiten sei von zahlreichen Reisen und Besuchen bestimmt gewesen. „Das ist tatsächlich ein wichtiger Teil: Leute treffen, Atelierbesuche machen, Ausstellungen sehen und im Kontakt und Austausch sein.“ Wenn sie nicht unterwegs sei, arbeite sie im Museum. Immer wieder gebe es Phasen, in denen sie viel Schreiben müsse – bspw., wenn Katalogtexte anständen. „Dazu brauche ich viel Ruhe.“ Ohne Corona-Pandemie fand sie die in der Bibliothek. „Dann sitze ich zwei, drei Wochen jeden Tag in der Deutschen Nationalbibliothek, recherchiere und schreibe.“ Ihr journalistischer Hintergrund helfe ihr beim Schreiben für das Museum enorm – sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf das Schreiben selbst.

Neben ihrer Arbeit im Museum Angewandte Kunst war Kupka von 2013 bis 2018 Dozentin im Fortbildungsstudiengang Buch- und Medienpraxis der Frankfurter Universität, wo sie Studierende in die kuratorische Praxis einführte. Außerdem engagiert sich Kupka in verschiedenen interdisziplinären Projekten - etwa der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland oder den Neuen Deutschen Museumsmacher*innen, welche sich als Untergruppe der Neuen Deutschen Medienmacher*innen für ein neu denkendes, diverses Museum einsetzen.

Themen wie Dekolonisierung, Postkolonialismus und die Frage nach zukünftigen gesellschaftlichen Zusammenlebens auf respektvolle, gleichberechtigte Weise liegen Kupka am Herzen und beschäftigen sie in ihrer Arbeit. „Wie kann eine Welt aussehen, in der man diesen metaphorischen Tisch, an dem dann alle sitzen, gar nicht mehr braucht?“ Für das Museum der Zukunft wünscht sie sich, nicht nur danach zu fragen, wie man das bestehende Museum diverser machen könne, sondern auch das Museum selbst in seiner Struktur und seinem System zu hinterfragen, „[…] ob und wie diese Form der Hierarchisierung tragfähig ist. Dekolonisierung breit zu denken, nicht nur Werke zu restituieren, sondern den Museumstypus an sich zu hinterfragen. Das Museum als koloniales Konzept. Und dann schaut: Für wen gibt es das Museum eigentlich, wer wird damit angesprochen? Welche Bürger*innen werden dort gebildet und welche nicht? Was passiert mit denen, die nicht ins Museum kommen?“ Es ginge von solchen Fragen im abstrakteren Kontext bis hin zu ganz praktischen Dingen wie Personalstrukturen und Verwaltung. Maßgeblich sei ihres Erachtens, dass Dekolonialisierungsprozesse nicht nur bei oberflächlichen Wiedergutmachungen blieben, sondern auch an die Basis und Substanz dessen reichten, was Museen sind. „Da würde ich mir tatsächlich eine Sensibilisierung wünschen.“ Sie fügt ergänzend hinzu: „Mir ist bewusst, dass solche Veränderungsprozesse sehr viel Zeit brauchen. Aber es ist jetzt an uns, die Anfänge zu machen.“

Gegen Ende unseres Gespräches haben wir Kupka gefragt, inwiefern sie strukturelle Diskriminierung auf ihrem Karriereweg erfahren habe. „Vieles habe ich gespürt, ohne dafür Worte zu haben.“ Etwa, als sie Architektur studieren wollte. „Es hat mir niemand ins Gesicht gesagt: ‚Architektur ist kein Beruf für Frauen.‘“ Es seien eher unterschwellige Wirkmechanismen, die ihr eingeredet hätten, doch eher eine andere Laufbahn einzuschlagen. „Die Art wie ich arbeite, keine klassischen Karrierelaufbahnen einschlage und immer versuche, etwas Eigenes zu entwickeln, kann auch als ständiger Versuch gedeutet werden, mich Hierarchien zu entziehen und nicht auf gewisse Dinge angewiesen sein zu müssen.“

Wir danken Mahret Kupka dafür, dass sie sich in ihrem Urlaub Zeit für uns genommen hat und drücken die Daumen, dass die wichtigen Veränderungen, die sie sich wünscht, schneller geschehen als sie aktuell erwartet.

 – Valentina Bay, veröffentlicht am 16.7.2021