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© Rose-Maria Gropp, privat

Dr. Rose-Maria Gropp

Redakteurin im Feuilleton der

Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Das geschriebene Wort hat einen festen Platz im Leben von Rose-Maria Gropp: „Ich war immer fasziniert von Literatur und überhaupt von guten Texten.“ So entstand schon früh die Idee, Journalistin zu werden. Um diesen Plan in die Tat umzusetzen, ging sie für ein Studium nach Freiburg – die geisteswissenschaftliche Fakultät habe damals einen  sehr guten Ruf gehabt. Sie entschied sich für die Fächer Germanistik und Geschichte, daneben besuchte sie Veranstaltungen in Kunstgeschichte und Philosophie. Was die damalige Lehre der Kunstgeschichte anging, war sie jedoch enttäuscht. Ihr großes Interesse an zeitgenössischer Kunst kam kaum zum Zug. Sie begann deshalb früh, sich selbst damit auseinanderzusetzen.

Im Laufe ihrer Studienzeit wurde sie von der Studienstiftung des Deutschen Volkes mit „Büchergeld“ unterstützt. Außerdem arbeitete sie einige Zeit als wissenschaftliche Hilfskraft am Germanistik-Institut. Die Stelle habe es ihr nach dem Abschluss mit Staatsexamen, ein Wunsch der Eltern, und dem Magister erleichtert, ihren Plan der Promotion zu verwirklichen, den sie seit Beginn ihres Studiums hegte. Ein Schwerpunkt der Literaturwissenschaft in Freiburg war damals die psychoanalytische Literaturbetrachtung, was sie zu ihrem Promotionsthema brachte: den Zusammenhang von Literatur und theoretischer Psychoanalyse am Beispiel der Schriftstellerin und Essayistin Lou Andreas-Salomé und den Schriften Sigmund Freuds. Es ging dabei vor allem um die Theorie des Narzissmus. „Das ist bis heute hilfreich bei der Beschäftigung mit dem Kunstbetrieb“, fügt sie hinzu.   

Während des Promovierens beschlich Gropp der Gedanke, „man sollte auch noch eine vernünftige Ausbildung haben.“ Deshalb legte sie, während der Arbeit an der Promotion, noch ein zweites Staatsexamen als wissenschaftliche Bibliothekarin ab. Das war tatsächlich eine lehrreiche Einführung in den Arbeitsalltag, den Beruf hat sie aber nie ausgeübt.

Immer konstant blieb der Wunsch zu schreiben. Deshalb ergriff sie Mitte der achtziger Jahre auch die Chance, als freie Mitarbeiterin für die Badische Zeitung zu arbeiten. Den Kontakt zur Zeitung vermittelte ein Bekannter. Es war Gropps erster Schritt in den Journalismus. Sie war erneut bei der Kunst, schrieb vor allem Kunstkritiken, über ganz aktuelle Kunst in Galerien, aber auch über Ausstellungen älterer Kunst. „Der Kulturchef bei der Badischen Zeitung war streng. Er hat sofort gesagt: ‚Sie müssen verständlich schreiben.‘“ So, dass die Leser*innen die Argumente und Urteile verstehen konnten. Das Zeilenhonorar war alles andere als üppig, für Gropp war aber die Erkenntnis wichtiger, „das möchte ich als Beruf machen.“

Sie sagt im Rückblick: „Auch bei mir ging einige Zeit einiges parallel. Es war kein geradliniger Werdegang. Es gab diese Phasen, wo man sich fragt: ‚Wie geht es jetzt weiter und in welche Richtung?‘ Aber da muss man durch.“ Direkt nach Abschluss der Promotion 1988 hielt sie in Freiburg für ein Semester Proseminare, als Vertretung auf der Stelle einer Akademischen Rätin. Sie tat das mit Engagement, aber „ich merkte da deutlich, dass ich nicht wirklich für die Lehre prädestiniert bin.“ Der Kulturjournalismus blieb als Wunsch am Horizont, aber die Universität war auch noch da. In diesem Moment wurde ihr eine Tür geöffnet. Die Möglichkeit nutzen und „durchgehen durch eine solche Tür, muss jede dann natürlich selbst“, fügt sie hinzu. Ihr akademischer Lehrer in Freiburg, der spätere Medien- und Kulturtheoretiker Friedrich Kittler, empfahl sie damals für das Graduiertenkolleg der Universität Siegen. Es war das erste Graduiertenkolleg in Deutschland überhaupt und befasste sich unter der Leitung von Hans-Ulrich Gumbrecht mit „Kommunikationsformen als Lebensformen“. Sie musste für die Aufnahme als eine der Postgraduates am Kolleg ein Exposé für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) schreiben, die diese Postgraduate-Stipendien für zwei Jahre finanzierte. Sie entwarf ein Projekt, das thematisch an die Promotion anschloss. Die DFG nahm das Projekt an. Ziel war entweder eine Habilitation oder eine vergleichbar qualifizierte berufliche Position.

Zum Programm des Graduiertenkollegs gehörte es, dass alle Teilnehmenden, der außeruniversitären Berufspraxis halber, ein solches Praktikum absolvierten. Gropp bewarb sich hierfür bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ihre Vorkenntnisse im Journalismus und ihre Erfahrungen mit dem Schreiben überhaupt verhalfen ihr zur Hospitanz im Feuilleton der Zeitung, das war 1989. „Manchmal braucht man eine glückliche Fügung“, sagt Gropp im Rückblick. Aus der Hospitanz wurde ein Jahr später die Einstellung als Redakteurin im Feuilleton. Jetzt trug auch die stete Beschäftigung mit der Kunstgeschichte und der Kunst ihre Früchte. Zu ihrem Mentor wurde Wilfried Wiegand, der damalige Feuilleton-Chef und selbst Kunsthistoriker, welcher sich intensiv mit Gropps Texten auseinandersetzte: „Das war manchmal richtig hart. Aber dadurch habe ich noch einmal einen regelrechten Lernschub bekommen, dafür bin ich ihm für immer dankbar.“ Das Ressort Kunstmarkt befand sich damals in seinen Anfängen. Zwar war es Neuland, doch Gropp interessierte sich für diese Aufgabe. Als dann 1994 die Neubesetzung der Ressortleitung anstand, hat sie sich dafür beworben. Sie erhielt die Zusage vom damaligen Herausgeber Frank Schirrmacher, „wenn sich das bewährt, dann schauen wir weiter.“ Es funktionierte, und seitdem hat Gropp ihren Arbeitgeber nicht mehr gewechselt.

Die Leitung eines Ressorts bedeutet auch die Verantwortung für die im Ressort gedruckten Artikel und ihren Inhalt, zumal für die Texte von freien Mitarbeiter*innen und Autor*innen. „Man sitzt nicht verträumt da und schreibt nur, es ist ein ganzes Paket von Aufgaben.“ Dazu gehört zum Beispiel die Entscheidung, über welche Gegenstände berichtet wird, die Setzung von Themen und die Positionierung in aktuellen Debatten. Was den Kunstmarkt speziell angeht, komme man an den Sensationspreisen nicht vorbei; sie versuche aber stets, auch Galerien und ihrer wichtigen Arbeit Raum zu geben –  und vor allem, das Marktgeschehen kommentierend zu begleiten.

Besonders schätzt Gropp an ihrem Aufgabenfeld die Verknüpfung von, gewissermaßen automatisch ständig zu betreibender Kunstkritik mit der sehr speziellen ökonomischen Praxis des Kunstmarkts. „Ich denke, dass es wichtig ist, eine gewisse Distanz zum Kunstbetrieb zu halten, damit man da nicht hineingezogen wird. Das ist gar nicht so einfach, denn es ist sehr verlockend. Aber dieser Abstand ist notwendig, wenn man auf der Seite der Kritik stehen will.“  Nur sehr selten hat sie Beiträge in Katalogen zu Kunstausstellungen in Museen verfasst. Dafür genießt sie es immer wieder, im Feuilleton als Kritikerin über Ausstellungen zu schreiben – ohne den Blick auf ökonomische Aspekte. Und nach drei Jahrzehnten bei der F.A.Z. gefällt der Redakteurin ihre Arbeit immer noch: „Es wird nicht langweilig. Es ist einfach schön, wenn man seinen Beruf mit den Leidenschaften verbinden kann, die man hat, wie die Kunst oder die Literatur. Man könnte das erfüllend nennen.“ Auch wenn sie etwa Rezensionen zu Büchern verfasst – was sie gern tut –, egal, ob Literatur oder Sachbuch, verbinde sich das eigene Interesse, das Angenehme bestens mit dem Nützlichen. Eine nur annähernd vergleichbare Stelle, etwa bei einer anderen Zeitung, habe sich für sie nie ergeben, und eine freie Tätigkeit, zum Beispiel als Kunstberaterin, entspreche nicht ihrem Temperament. 

Sehr prinzipiell meint Gropp, ein – in ihrem Fall geisteswissenschaftliches – Studium sei für die generelle Befähigung als Journalist*in nützlich, sich vertieft mit einer Materie zu beschäftigen. Es sollte die Voraussetzung zur Einarbeitung in Themengebiete schaffen, die man dabei an der Universität gar nicht direkt beackert hat – oder, wie es früher für die zeitgenössische Kunst und insbesondere den Kunstmarkt galt, gar nicht lernen konnte. Inzwischen gebe es ja sogar spezialisierte Studiengänge dafür. Und zum Beispiel sei die Arbeit an der Promotion ebenfalls eine gute Voraussetzung gewesen, später noch einmal „auch über eine längere Strecke“ zu schreiben. In ihrem Fall wurde es ein Buch über die erste Ausstellung des Malers Balthus 1934 in Paris, die einen Skandal auslöste. Gropp meint, es gelte überhaupt, „dass man sich für seinen Gegenstand begeistert und dann mit aller Energie dranbleibt.“   

Was den Journalismus angeht, findet sie, dass es entscheidend ist, über inhaltliche wie sprachliche Kompetenz zu verfügen, um Artikel für die Leser*innen nachvollziehbar und plausibel zu machen. Deshalb sei es nicht angezeigt, angelerntes Wissen auszubreiten, sondern als Kritikerin eine eigene, im Glücksfall so noch nicht gegebene, Perspektive zu entwerfen. Dabei wird man nicht ohne Subjektivität auskommen, die aber dann ja eingestanden ist. Und streitbar dürfen gelungene Artikel unbedingt sein. Ist ein dann Text dann fertig, wird er immer redigiert: „Es geht kein Artikel in den Druck, ohne dass ein Kollege oder eine Kollegin ihn gegengelesen hat.“ Das sei ein enorm wichtiges Korrektiv. Natürlich – „niemand mag Kritik, aber die ist einfach nötig, weil jeder auch einmal blinde Flecken entwickelt.“ Dann gebe es noch das Feedback von ihren Leser*innen. Über Lob freut sie sich naturgemäß sehr.

Gegen Ende unseres Gespräches haben wir mit Gropp noch einmal über das Schreiben selbst intensiver gesprochen. „Schreiben braucht bestimmt eine Grundbegabung, aber man kann und muss dann weiterüben. Es hilft dabei, stilistisch gelungene Texte überhaupt zu lesen, egal, aus welchem Fachgebiet.“ Was ihrer Meinung nach neben Schreiben und Lesen wesentlich ist, sei das Sprechen: „Ich glaube, dass Gespräche mit anderen Menschen, die sich auskennen, die eine eigene – gern auch andere – Meinung vertreten und begründen können, einen außerordentlich voranbringen.“  Aus jeder Form von sprachlichem Austausch könne man das Beste für sich selbst herausholen. Das Studium an der Universität helfe beim journalistischen Schreiben eben insofern, als es im geglückten Fall lehre, mit unterschiedlichen Inhalten umzugehen. „Wenn man das auf die Kunstgeschichte und Kunstkritik bezieht, geht es nicht darum vorzuzeigen, was man alles weiß, sondern sich einen Ort zu erschaffen, von dem aus man die Dinge betrachtet und beurteilt.“ Ein Zeitungstext sei immer der Versuch einer Vermittlung und ein Angebot an die Leser*innen. Auf die Frage, ob sie selbst Schreibblockaden kenne, sagt sie, dass es auch ihr als Redakteurin mit jahrelanger Erfahrung manchmal schwerfalle, Sätze zu Papier zu bringen. „Mir persönlich geht es so, dass es solche Blockaden gerade dort geben kann, wo ich denke, mich am besten auszukennen.“ Man dürfe so etwas aber bloß nicht zum Normalfall werden lassen. Hier helfe nur, auf die eigene Kompetenz zu vertrauen und sich zu sagen: „Ich mach‘ das jetzt.“

Wir danken Rose-Maria Gropp für das schöne Gespräch und wünschen ihr, dass sie bald wieder regelmäßig  über geöffnete Ausstellungen berichten kann.

 – Valentina Bay, veröffentlicht am 16.4.2021