George Mullen

Kunsthistoriker, Auktionator und Galerist

Ein blechernes „Hallo?“ kommt aus dem Telefon: George Mullen, österreichischer Kunsthistoriker, Auktionator und Galerist, ruft von der Mecklenburgische Seenplatte an, wo er gerade seinen Traum verwirklichen möchte: ein eigener Bauernhof mit Gemüsebeet. Zwischen Recherche und Besichtigungen findet er Zeit für ein Gespräch darüber, welchen Träumen er hinterher jagte, welche kuriosen Geschichten einem als Auktionator widerfahren und was es mit seiner Abneigung gegenüber Spielzeug auf sich hat.

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1974 in Wien geboren, wuchs George Mullen in England, Österreich und Frankreich auf. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der zahlreichen Wohnwechsel stellt er rückblickend fest, dass seine Heimat stets da sei, wo seine Familie ist, „wo man sich zu Hause fühlt.

 

Seine Eltern studierten Kunstgeschichte, seine Familie sammelte Kunst „wie verrückt“. Eine Kindheit inmitten von Kunst. Da erscheint der Berufswunsch Kunsthistoriker auch bereits als Jugendlicher plausibel. Mit diesem Ziel vor Augen arbeitete er schon in den Schulferien bei Christie’s in Wien. Er tat alles, was anstand und liebte es. Von Kuverts handschriftlich adressieren, Fotos von Kunstwerken bei Kund*innen machen und entwickeln lassen, bis täglich zur Post rennen, um Fotos zur Londoner Dependance zu senden.

 

Im Anschluss an sein Abitur sollte es dennoch erst einmal ein Studium sein. Mit seinen Freunden zusammen begann er ein Wirtschaftsstudium an der Universität in St. Gallen. Nach der ersten Statistikprüfung habe aber festgestanden, dass dieses Studium nichts für ihn sei, denn „Statistik habe ich nur geschafft, weil sich ein Freund damals für mich in die Prüfung gesetzt hat.“ Mullen ging lieber Ski fahren. „Nach einem halben Jahr habe ich auch gesehen, dass das totaler Schwachsinn ist.“ Aufgrund seiner Leidenschaft für Dekorative Kunst erschien ihm ein Studium der Kunstgeschichte mit begleitendem Schwerpunkt auf der Möbelrestaurierung an der Buckinghamshire New University in Südengland als ideal. „Wenn du wirklich Möbel-Experte werden willst, dann musst du auch wissen, wie ein Möbel auseinander genommen wird“, habe man ihm damals geraten. Der verschulte Unterricht mit kleinen Gruppen nötigte ihn dazu, die Klausuren tatsächlich selbst zu schreiben. Die Arbeit war praktisch und die Lehrenden vermittelten eine sozialkritische Betrachtungsweise auf Kunst. Dies war besonders für Mullen eine ganz neue Herangehens- und Betrachtungsweise. Seine Jugend war unbeschwert, sein Umfeld wohlhabend. Gedanken um Geld habe er sich nie machen müssen und auch die Kunstwerke, die seine Familie besaß, waren stets Teil seines Alltags und nicht weiter besonders für ihn. Erst mit Beginn seines Studiums reflektierte er, dass dies nicht der Normalfall sei, dass nicht jeder Kunst zu Hause an den Wänden hat. Kunst sei ein Luxusgut, so Mullen heute. Seine Freunde in England haben neben ihrem Studium immer gearbeitet, weil keiner von zu Hause Geld erhielt. Deshalb entschied sich auch Mullen dazu, neben seinem Ferienjob bei Christie’s in Wien, in deren Londoner Dependance während des Studiums zu arbeiten. 

Von seinem im Studium angeeigneten Wissen über Möbel profitiere er noch heute. Da er im ersten Studienjahr selbst Möbel habe bauen müssen, könne er nicht nur welche eigenhändig fälschen, sondern erkenne auch sofort, ob es sich um eine Fälschung handelt. Bei furnierten Möbeln, erklärt er, dass die Dicke des Furniers entscheidend sei. Ein dünnes Furnier spreche für eine maschinelle Fertigung, die erst Ende des 19. Jahrhunderts hätte produziert werden können. „Es gibt viel zu viele Antiquitäten. Das ist unmöglich. […] Deutschland war in Schutt und Asche und jetzt geht man durch irgendwelche Ärztehäuser und es biegen sich die Biedermeier-Möbel. Das ist absurd. Das ist alles neu.“ In erster Linie müsse man also immer davon ausgehen, dass es sich um eine Fälschung handle.

Mit Abschluss seines Studiums wäre Mullen gerne bei Christie’s geblieben, doch die angebotene Bezahlung sei äußerst niedrig gewesen, „das war wirklich beschissen.“ Deshalb entschied er sich dazu, sich für ein Traineeprogramm bei einer Bank zu bewerben. Bei der Bewerbung sei es für ihn von Vorteil gewesen, dass er sich damals mehr für seine Skier interessiert habe und sich so durch sein kunsthistorisches Studium von den anderen Bewerber*innen abheben konnte. Da auf verschiedene Denkansätze innerhalb der Mitarbeiter*innen viel wert gelegt wurde, erhielt Mullen den Job. „Ich hab’s geliebt, weil ich ein Saugeld verdient habe.“ 

 

Als 2002 dann ein neues Angebot von Christie’s kam, als Schwangerschaftsvertretung für ein Jahr die Leitung der Wiener Dependance zu übernehmen, zögerte er keine Augenblick. „Das Büro zu leiten, fand ich dann sehr aufregend. Dafür habe ich alles stehen und liegen gelassen.“ Mullens Hauptaufgabe bestand damals darin, zwischen Institutionen und jüdischen Erb*innen im Hinblick auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter zu vermitteln. Christie’s half den Erb*innen bei der Restitution von Kulturgütern, um diese im Anschluss verkaufen zu dürfen. „Nur so kriegen wir Neuware für London.

 

Im darauffolgenden Jahr trat Mullen eine Stelle als Kundenberater und Auktionator beim Wiener Auktionshaus Dorotheum für drei Jahre an. Die Stelle erhielt er über einen Bekannten, dem das Dorotheum nach der Privatisierung gehörte. Wir haben Mullen gefragt, welche Kompetenzen ein*e Auktionator*in mitbringen müsse. „Man muss sich Zahlen ganz gut merken“, sagt er lachend. Zudem sei es wichtig, „Menschen bei der Stange [zu] halten, weil man verkauft ja etwas, das wirklich kein Mensch braucht.“ Aber Kunst mache Spaß und deshalb verkaufe sie sich auch. Für sich selbst habe Mullen festgestellt, dass er tagtäglich so viel mit Kunst zu tun habe, dass er zu Hause keine mehr benötige. „[Um]so mehr man mit Kunst zu tun hat, umso weniger möchte man davon haben.“ Dies sei auch der Grund, weshalb er im Museum schnell durch Ausstellungen gehe. „Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Und es langweilt mich auch manchmal. Aber, wenn ich mir drei, vier Sachen aussuche, finde ich das so aufregend.
Während des Gespräches erzählt Mullen, welche kuriosen Geschichten ihm als Auktionator widerfahren sind. Einmal, da habe er Pelzmäntel auf einer im Winter stattfindenden Auktion versteigern wollen. Ein wunderschöner Nerzmantel traf sofort auf Begeisterung im Publikum. Dieses bestand hauptsächlich aus „Damen aus dem flachen Gewerbe.“ Für Mullen logisch bei einer Pelzmantelauktion, denn „das macht ja Sinn, man muss ja warm sein.“ Zwei von den Damen haben sich um eben diesen Nerzmantel gestritten, weil beide angeblich 400,00€ geboten hatten. Das Ganze endete letztlich in einer Prügelei, die Mullen schlichten musste.

Eine weitere, absurde Geschichte: Eine alte Dame wollte ihre Wohnung auflösen und bat Mullen um Rat im Hinblick auf ein Set Silberbesteck, das sie von ihrer Schwiegermutter 1937 zur Hochzeit geschenkt bekommen habe. Es war unbenutzt und in hervorragendem Zustand, nur musste Mullen feststellen, dass es sich hierbei nicht, wie gedacht, um Silberbesteck handelte, sondern lediglich um versilbertes Besteck. Die Frau war empört und erwiderte nur fassungslos:„Das kann nicht ihr Ernst sein. Ich habe das bei jedem Bombenangriff in den Keller geschleppt.“ Wütend auf ihre Schwiegermutter, stiefelte sie, ohne das versilberte Besteck, davon.

 

2008 ging Mullen nach Perugia und arbeitete dort als Director of Design am Castello di Reschio. Der Familie, der das Anwesen gehörte, habe er zuvor immer mal wieder Möbel verkauft, sodass sie stets im regen Austausch standen. Seine Aufgabe sei es gewesen, die von der Familie restaurierten Häuser mit Antiquitäten einzurichten. Der Job machte ihm sehr viel Spaß, dennoch „das ist ein Job auf dem platten Land, das macht man ein Jahr und dann nie wieder.“

Christie’s habe ihm nach diesem Jahr erneut ein Angebot gemacht. Aber das Gehalt stimmte wieder nicht. Mullen habe sich gedacht: „die spinnen ja. Das mache ich nicht mit.

 

Und so beschloss er, seinem nächsten Traum zu folgen:„Ich wollte in Paris sein.“ Zwischen Musée Rodin und Musée d’Orsay eröffnete er eine eigene Galerie in einem ehemaligen Friseursalon. Er baute den Keller zu einer 1-Zimmer-Wohnung aus. Abends habe er immer im Schaufenster gegessen. Das klingt nach seinem Traum, doch die Realität sah anders aus:„Es ist eigentlich spannender Süßigkeiten zu verkaufen als Kunst, weil da geht kein Arsch rein. […] Die Hälfte ist auf Klo gegangen. Es war ein Albtraum.“ Zudem stand er vor einigen Schwierigkeiten, die eine Galeriegründung zwangsläufig mit sich bringen. Eine davon:„Steuern - ganz elendig.“ Man müsse eine gute Portion Organisationstalent mitbringen. Und er sei alles, nur nicht strukturiert. Seine Kreativität, die ihn antreibe, bringe einem bei solch einem Vorhaben nicht nach vorne. Zudem werde es einem bei einer Gründung eines Unternehmens selten von Seiten des Staates leicht gemacht. „Es ist so furchtbar, es ist grauenhaft.
Mullen habe immer die romantisierte Vorstellung gehabt, jungen Künstler*innen zu helfen und deren unbekannte Werke zu einem fairen Preis, auch an nicht so vermögende Menschen zu verkaufen. Aber daran verdiene man nun einmal kein Geld. „Man müsste leider gierig sein und nur große Künstler nehmen“, um reich zu werden. 

 

Der Traum von Paris war vielleicht gescheitert, doch Mullen arbeitete weiter hart. Zwischen 2012 und 2014 war er bei Bonhams und dann bei Lempertz als Experte angestellt. Dies sei ein Problem gewesen. Denn so ein Name wie Christie’s bringe bereits von vornherein ein gewisses Vertrauen von seitens der Kund*innen mit, „weil sie das kennen.“ Doch Bonhams und Lempertz seien kleinere Unternehmen, man müsse man sich Kund*innen härter erarbeiten. Gang und gäbe sei es, bei solch einer Recherche, dass Todesanzeigen studiert werden, um die Erb*innen anzurufen und Hilfe bei der Wertschätzung der Hinterlassenschaften anzubieten. Dies bedeute nicht nur einen massiven Aufwand, sondern bringe auch immer eine große Bereitschaft zum Reisen mit sich.

 

Immerzu nach neuen Herausforderungen suchend und seine Träume verwirklichend, arbeitete Mullen einige Zeit als Auktionator und freiberuflicher Experte beim Livestream-Auktionshaus Auctionata in Berlin. Wie er dorthin kam? Naja, er wollte nach Berlin „und ich fand’ es auch irrsinnig  spannend, was Auctionata gemacht hat. Aber, was ich damals schon nicht verstanden habe: Ich finde, man kann Kunst nicht online verkaufen.“ Und so sei es für ihn auch nicht verwunderlich gewesen, dass dieses Auktionshaus nach fünf Jahren „mit Bomben und Granaten“ pleite ging. 

 

Neben all den Jobs habe er ab und an auch bei Charity-Auktionen den Hammer geschwungen. „Eine Charity Auktion ist ganz schwierig, weil auch Künstler nicht gerne ihre Topwerke hergeben“. Meist würden Werke bei solch einer Auktion unter Wert versteigert. „Man muss da wirklich rumbrüllen, wie auf dem Fischmarkt.“ Bei einer Charity-Auktion für die Malteser habe er damals ein Werk an einen bekannten Moderator verkauft. Dieser war begeistert von seinem Können, sodass er ihn für seine Sendung als Experte einstellte. Seit einigen Jahren ist er dort tätig. Ein typischer Arbeitsalltag am Set beginne meist damit, dass Mullen sich verspäte. „Inzwischen werde ich immer abgeholt, damit ich nicht zu spät komme“, gesteht er uns lachend. Am Set angekommen, werde er geschminkt und erhalte dann für dreißig Minuten Zeit, sich auf das zu versteigernde Objekt, vorzubereiten. Er google vergleichbare Auktionsergebnisse, - man könne eben nicht alles wissen. „Das ist keine Hexerei. Ich bin manchmal eher verwirrt, wieviel man über einen Wikipediaartikel raus findet.“ Ein Drehbuch gebe es nicht, seine Reaktionen seien spontan und echt.
Von Zeit zur Zeit sei er für die Werteinschätzung von Spielzeug zuständig, obgleich:„ich hasse Barbies und ich hasse Computerspielzeug. Ich find’s eine Perversion, Spielzeug zu haben.“ Doch er mag seinen Job sehr:„Was ich den größten Luxus finde, dass ich hier nicht im Büro sitzen muss und unabhängig bin.“ In einem Büro sei es menschlich schnell anstrengend, „da schlägt’s einem die Haare hoch, wie ekelig Menschen sind.“ 

 

Mullens aktueller Traum? „Jetzt überlege ich mir, ob ich nicht doch Landwirtschaft studieren soll“, um einen eigenen Bauernhof zu kaufen und eigenes Gemüse anzupflanzen.

 

Wir hoffen, dass er auch diesen Traum lebt, aber dieses Mal vielleicht mit weniger Steuerproblemen!


- Hannah Steinmetz, veröffentlicht am 05. November 2021