Jakob Schwerdtfeger

Comedian und Kabarettist 

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 © Pierre Jarawan 

Mit fünfzehn begann Jakob Schwerdtfeger „sich mega für Kunst zu interessieren“. Während eines Besuches im Amsterdamer Van Gogh Museums stellte er überraschend fest: „Kunst ist voll geil!“ Daraufhin besuchte er in den folgenden Jahren unzählige Museen. „Ich hatte den absurden Anspruch, alles über Kunst wissen zu wollen“. Lachend resümiert er über sein Teenager-Ich: „Ich war auf jeden Fall richtig uncool!“

In dieser Zeit verfestigte sich sein Vorhaben, Kunstgeschichte zu studieren. Nachdem er sich kreuz und quer in ganz Deutschland für die verschiedensten Fächerkombinationen mit dem Hauptfach Kunstgeschichte bewarb, entschied er sich letztlich für die Goethe-Universität Frankfurt. Die Stadt am Main wurde zum einen seinem Anspruch einer vielfältigen Museumslandschaft mit namhaftenHäusern gerecht und zum anderen war es hier möglich, Psychologie im Nebenfach zu studieren. Als zweites Nebenfach wählte er die Archäologie. Das sei mit Kunstgeschichte die klassische Kombination gewesen und „um ehrlich zu sein, retrospektiv würde ich auch nicht sagen, dass das eine gute Entscheidung war.“

 

„Zum Städel [Museum] kam ich, weil meine Mutter gesagt hat ‚Such’ dir mal ein Praktikum!’, damit ich nicht die Semesterferien immer bei denen rumhänge.“ Gesagt, getan. Schwerdtfeger bewarb sich bei um die zwanzig Museen und sammelte so praktische Erfahrungen in der Neuen Nationalgalerie in Berlin und im Frankfurter Städel Museum. Im Anschluss an sein zweimonatiges Praktikum im Städelwurde er vier Jahre lang die studentische Aushilfe für Felix Krämer, dem damaligen Kurator für die Sammlung Kunst der Moderne im Städel Museum. Anschließend folgten noch einmal drei Jahre, in denen er Führungen gab. Während seiner Tätigkeit am Städel begann Schwerdtfeger ein Doppelstudium mit dem Ziel Kunstlehrer zu werden. In seiner Magisterarbeit setzte er sich mit “Humor in der Kunst“ auseinander. Ein Thema, das ihn bis heute beschäftigt. Der Fokus seiner Arbeit lag auf dem 1987 entstandenen Film „Der Lauf der Dinge“ von Peter Fischli und David Weiss. Das Werk des Künstlerduos kannte er bereits aus seiner Jugend. Daher war schnell klar: „Das soll meine Abschlussarbeit werden.“ Ungefähr siebzig bis achtzig Seiten später bemerkte er beim Lesen der eigenen Arbeit „Oh Gott, ja, das ist genau so eine kunsthistorische Arbeit, wie ich sie hasse. Einfach richtig langweilig!“ Er entschloss sich, die komplette Arbeit umzuschmeißen und den Film mit Freund*innen erneut zu schauen. Verwundert stellte er hierbei fest, dass diese sich über die Kettenreaktion der umfallenden Gegenstände amüsierten und kam nicht umhin sich zu fragen: „Was ist daran bitte lustig?“ Zu dieser Zeit war Schwerdtfeger schon in der Poetry-Slam-Szene unterwegs und beschloss hinsichtlich dessen, Humor und Kunst zu verbinden. „Im Zweifel nutze ich diese Magisterarbeit einfach um auch viele Humortheorien zu lesen und zu lernen, wie Witze auf eine theoretische Art und Weise funktionieren. […] Das war vielleicht das erste Mal, dass ich so ein bisschen meine intrinsischen Interessen mit Kunstgeschichte verbunden habe.“

 

Inmitten seiner Magisterarbeit erhielt er dann das Angebot für eine Festanstellung am Städel und dachte sich „Perfekt, dann mach ich das!“

Schwerdtfeger war während seiner Festanstellung in der Kunstpädagogik tätig und übernahm hier klassische Bildungs- und Vermittlungsaufgaben. Darüber hinaus war er in die Mitarbeit digitaler Projekte eingebunden und habe als Schnittstelle zwischen dem Museum und den umsetzenden Projektpartner*innen fungiert. In diesem Rahmen seien drei große Projekte entstanden: Ein Computerspiel für Kinder, ein Online-Kurs zur modernen Kunst und ein Digitorial. 

Neben seiner Festanstellung war er weiterhin als Poetry Slammer aktiv. Thematisch habe er sich zu dieser Zeit vor allem mit „First World Problems“ auseinandergesetzt. „Also eigentlich habe ich mich über belanglose Alltagsgeschichten maßlos aufgeregt.“ Mehrmals die Woche fuhr er dafür nach Marburg, um abends auf der Bühne zu stehen. Wie er überhaupt dazu gekommen sei? Über einen Freund. „Der hat einfach gesagt: ‚Jakob, in zwei Wochen ist Poetry Slam in Frankfurt in der Uni.“ Etwas überrumpelt und ohne die Möglichkeit, sich wieder abzumelden, habe er sich einige Videos angeschaut und sich gedacht: „Dann mache ich das jetzt auch.“ Letztendlich bereitete ihm das Ganze so viel Freude, dass er dabei blieb.

Nervös sei er auch heute noch vor seinen Auftritten. Das finde er aber auch wichtig, denn „das führt auch dazu, dass du dich fokussierst“ und alles andere ausgeblendet werde.

Zu dieser Zeit trat Schwerdtfeger noch unter dem Künstlernamen Jey Jey Glünderling auf, den er sich gemeinsam mit Freunden ausdachte. Das „[…] ist ja ein sehr uneinprägsamer Name. Das war eigentlich ein Joke. […]. Da stolpert man schon so drüber. Jey Jey klingt eher nach so einem Footballcaptain und Glünderling nach einem Typen, der mit dem Dackel spazieren geht.“ So habe sich die Arbeit im Museum besser von dem Bühnenleben abgrenzen lassen. „Ich wollte gar nicht unbedingt, dass alle meine Kolleginnen und Kollegen wissen, was ich da auf der Bühne veranstalte.“ Zudem komme er ursprünglich aus dem Hip-Hop, wo die Verwendung eines Künstlernamens durchaus üblich gewesen sei. Im Bereich Freestyle-Rap ging er beispielsweise als Sieger der Battlemania bei Rap am Mittwoch 2017 hervor. Ebenfalls als Jey Jey Glünderling veröffentlichte er im selben Jahr seine Texte in dem Buch “Traumberuf Marktschreier: Slams & Stories”. 

Nach acht Jahren legte er 2018 den Künstlernamen ab. Mittlerweile stehe er gänzlich hinter dem, was er tue und das lasse sich auch nicht mehr von seiner Person trennen. 

 

Da das Bühnenleben zu einem großen Teil aus Warten bestehe, habe er viel Zeit gehabt, um andere selbständige Bühnenmenschen kennenzulernen. Fasziniert davon, seinen Lebensunterhalt auf diese Weise zu bestreiten, sei in ihm nach und nach der Gedanke gereift, dass dies auch für ihn durchaus möglich wäre. Probeweise reduzierte er dann 2018 auf eine halbe Stelle im Museum - montags bis mittwochs im Museum, donnerstags bis sonntags auf den Bühnen Deutschlands. „Das war für mich perfekt, weil ich gucken konnte: Ist dieses Tourleben was für mich. […] Und dann habe ich gedacht: ‚Okay, scheiß drauf. Ich habe noch keine Familie, ich bin gerade dreißig und wenn ich es jetzt nicht mache, mache ich es nie.’“ 2019 gab Schwerdtfeger seine Festanstellung am Städel auf, um von nun an gänzlich auf der Bühne zu stehen. „Das war ein langer Prozess“, bei dem er zunehmend gemerkt habe: „Das macht mir wirklich unfassbar viel Spaß. Das erfüllt mich unglaublich auf der Bühne zu stehen.“

Wie es der Zufall so will, kontaktierte ihn am selben Tag, an dem er im Museum beim Personalchef seine Kündigung bestätigte, eine Agentur, mit der er noch heute zusammenarbeite. 
 

Auf die Verbindung von Kunst und Comedy habe ihn damals seine heutige Agentin gebracht. „Du hast voll den Kunst-Background, das gibt es einfach noch nicht, Comedy über Kunst. Mach das doch! […] Du hast da Ahnung von und hast Leidenschaft dafür. Wieso bringst du das nicht mit dem zusammen, was du eh schon kannst.“ Begeistert von dieser Idee, machte Schwerdtfeger sich an die Umsetzung. Die Kunstcomedy war geboren. Ein Begriff, der ebenfalls mit besagter Agentin entstand. Was nach einem Genre klinge, sei in Wirklichkeit eine Nische, die eigentlich nur er bediene. Neben der australischen Stand-up-Comedienne Hannah Gadsby, die ebenfalls Kunstgeschichte studierte und auf der Bühne Kunst als ein Thema unter vielen behandle, sei ihm noch der Brite Will Gompertz bekannt, der sich auf BBC mit Kunst auseinandersetzte. „Mit dem hatte ich nämlich auch geschrieben, weil er der Einzige war, der Comedy über Kunst gemacht hat.“ Dies seien aber eher „lustige Lectures“ gewesen. Und in Deutschland? Da kenne er niemanden. „Also klar gibt es hier und da lustige Künstler und Künstlerinnen. […] Aber aus der kunsthistorischen Richtung, kenne ich niemanden.“

Sein erstes Solo-Programm “Ein Bild für die Götter” konnte er Pandemie bedingt leider erst zweimal aufführen. Hierbei gehe es viel um die Kunstwelt, die er mit Vergnügen auf die Schippe nehme. Dennoch bleibe es sein eigentliches Anliegen, seine Begeisterung für Kunst – mit Humor –  weiterzugeben. „Aber am Ende geht es vielleicht um mein Leben, die Kunst, meinen Zugang dazu und Rap.“

Mit seinem Comedy-Programm richte er sich insbesondere an Laien. „Also ich glaube für eine Fachwelt ist es eh interessant, weil sie denken ‚Ach, endlich macht mal jemand Jokes über Kunstgeschichte’. […] Für die ist das Programm eh. Aber ich versuche halt, Kunst so ein bisschen damit in den Mainstream zu tragen, weil ich der Meinung bin, Humor öffnet unfassbar viele Türen.“

Inspirieren lasse er sich neben dem Lesen kunsthistorischer Lektüre vor allem im Museum. Den Gesprächen vor Ort zu lauschen oder das Besucherbuch durchzublättern, wären reines „Comedy-Gold“. Zudem denke er viel an seine eigene Zeit am Museum zurück. „Bei jeder Führung im Museum habe ich am liebsten Anekdoten erzählt und gemerkt, da gehen die Augen auf, da hören die Leute dir zu. Wenn du erzählst, Van Gogh hat von dann bis dann gelebt, hört dir niemand zu. Wenn du sagst, Van Gogh hat sich das Ohr abgeschnitten, sind plötzlich alle so ‚Oh krass, what?’ Das regt Interesse.“

Beim Verfassen seiner Bühnentexte denke er häufig an seine Freund*innen, die Kunst „uncool“ fänden und vorurteilsbehaftet seien. Die klassischen „Das kann ich auch!“- Aussagen sind uns allen sicherlich bestens bekannt. Schwerdtfeger rät, „nicht mit einem ‚ne, kannst du nicht, die Idee war nämlich schon vorher da und du hast sie als Zweiter’“ zu entgegnen. „Das ist halt keine coole Antwort.“ Vielmehr versuche er, die Ablehnung gegenüber Kunst, die seiner Ansicht nach sehr stark vorhanden sei, mit Humor zu durchbrechen. Damit das gelinge, versuche er Beispiele zu finden, die die Menschen in ihrer Lebensrealität abholen. „Und dann sitze ich hier wirklich tagelang, recherchiere und denke über Witze nach. Also am Ende ist es wahnsinnig viel Schreibtischarbeit auch.“

 

Durch die Corona-Pandemie und das damit einhergehende Auftritts-Verbot entwickelte er den Kunst-Podcast Künstlerisch wertvoll” und das Youtube-Format „Was macht die Kunst?“. Zudem moderiert er seit April 2020 für den Kunstpalast Düsseldorf das Videoformat Kunstklick”. Mittlerweile sei noch das Youtube-Format „Kunst in 100 Sekunden“ hinzugekommen. Auch hier gehe es vornehmlich darum, die Leute dort abzuholen, wo sie sich befinden und davon auszugehen, „[…] dass niemand etwas über Kunst weiß und dass es okay ist, darüber nichts zu wissen.“

Als selbstständiger Bühnenmensch sei es wichtig für ihn, ein breit aufgestelltes Portfolio zu haben und mehr Sichtbarkeit zu generieren. Mit seinen beiden Formaten könne er sich den Menschen präsentieren, ohne sein Bühnenprogramm zu veröffentlichen. Aber in allem, was Schwerdtfeger tut, wird der Wunsch laut, „[…] Leute für Kunst zu begeistern und Kunst humorvoll und unterhaltsam zu machen. […] Bock auf Kunst zu machen, Kunst fresh zu machen“.

 

Seine Pläne für die Zukunft? „Mega berühmt werden“, scherzt Schwerdtfeger. „Ich glaube, meine Pläne sind, richtig viel zu touren. Also dieses Solo einfach richtig, richtig viel spielen und […] die Formate die ich jetzt angefangen habe, weiter auszubauen und im besten Fall irgendwo unterzukriegen.“ Ihm gehe es überwiegend darum, die Nische Kunstcomedy zu vergrößern und letztlich die Kunst mit Humor mehr in den Mainstream zu tragen, sodass mehr Menschen ins Museum kommen. Denn „Humor ist ja einfach nur ein Promo-Tool am Ende.“

 

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Jakob Schwerdtfeger und wünschen ihm, dass er weiterhin mit 

seinem Humor viele Menschen für die Kunst begeistern kann.

- Annika Kurzhals, veröffentlicht am 2. Junli 2021