Juliane von Herz

Freie Kuratorin und

Geschäftsführerin von Euphoria

Heute ist Juliane von Herz freie Kuratorin. Vor allem die urbane Kunst im öffentlichen Raum hat es ihr angetan. Dabei hatte sie die Kunstwelt als Berufsmöglichkeit nach dem Schulabschluss gar nicht im Blick. Nach der Schule war sie zunächst etwas ratlos und begann eine Ausbildung zur Werbekauffrau in Frankfurt. In den 80erm boomte die Werbebranche und die Erzählungen verschiedener Menschen hätten die junge Abiturientin begeistert. 

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Foto: Juliane von Herz, Euphoria

Nach Abschluss ihrer Ausbildung arbeitete sie eine Zeit lang für Ogilvy & Mather, eine der führenden internationalen Werbeagenturen. Hier war sie als Texterin tätig. Das entsprach nicht dem üblichen Weg der Ausbildung. Doch dieser habe von Herz überhaupt nicht gelegen: „Mir war irgendwie klar, dass ich gerne in die kreative Richtung gehen würde und nicht in die Kundenberatung.“ Aus heutiger Sicht  sei das Texten eine logische Konsequenz gewesen. „Das ist wahrscheinlich etwas, was sich bis heute fortsetzt. Die begeisterte Beschäftigung mit Sprache und dem Schreiben.“ Sie mochte ihren Job als Texterin: „Das war großartig: Ich habe Texte für alle möglichen interessanten Kunden wie Lufthansa oder Ferrero geschrieben.“ Allerdings dämmerte der Anfang-20-Jährigen mit der Zeit auch, „dass ich das vielleicht machen würde, bis ich dreißig bin und dass mir dann vielleicht auch gar keine geniale Headline mehr einfällt. Das könnte durchaus sein und dann wüsste ich nicht, was ich danach weiter machen soll.“ Sie trug zu diesem Zeitpunkt schon lange die Idee eines Studiums in sich und so entschloss sie sich 1990, ihren Job in der Werbung aufzugeben und an die Universität zu gehen.

Die Reihenfolge 'Ausbildung, Job, Studium' bereut von Herz nicht:

„Diese frühe Begegnung mit dem Arbeiten und diese Realität hat mir unglaublich geholfen, Disziplin, Zielstrebigkeit und auch eine Aufgeschlossenheit gegenüber Menschen und verrückte Ideen zu entwickeln – Dinge, die man im Alltag, im Beruf heute ziemlich gut gebrauchen kann. Eine totale Offenheit für kreatives Denken ohne irgendwelche Begrenzung – ganz unabhängig davon, ob sich Ideen realisieren lassen oder nicht. Das war sehr schön und hat mich geprägt. Ich glaube, es ist der verrückte Spirit, der mich heute noch trägt.“

Aufgrund ihrer Begeisterung für Sprache war ein Journalistik-Studium zunächst naheliegend. Doch die wenigen Studienplätze und strengen Aufnahmekriterien machten sie mutlos. Stattdessen begann sie ein Studium der Kommunikationswissenschaften in München – „ein völlig bescheuertes, konstruiertes Fach, a waste of time“. Schon nach einem Semester beschloss sie, ihr Nebenfach Kunstgeschichte zum Hauptfach zu machen. In ihren Nebenfächern studierte sie von nun an Politik und Germanistik.

Anders als die meisten Studierenden heute sammelte von Herz während ihres Studiums außer bei einer Assistentenstelle in der Diathek des Münchner Kunstgeschichts-Instituts keine Berufserfahrung im Bereich der Kunst. „Ich bewundere das heute sehr, wenn ich jüngere Kolleginnen oder Kollegen bzw. Studierende treffe, die so eifrig mit ihren Praktika sind.“ Vermutlich habe das mit der zweijährigen Berufserfahrung zu tun, die von Herz zu diesem Zeitpunkt bereits vorweisen konnte. Anstatt Praktika zu machen, ging sie in den Semesterferien Geld verdienen. Erst im letzten Jahr ihres Magisterstudiums arbeitete sie das erste Mal im Kunstbereich. Nach einem Auslandsjahr in Bologna hatte sie mittlerweile an die Universität in Frankfurt gewechselt. Hier bekam sie in einer Galerie ihren ersten Job und konnte ihr erstes Ausstellungsprojekt betreuen. „Das war dann der Start in das künstlerische Arbeitsumfeld.“ Wohin sie sich von dort aus orientieren wollte, wusste sie damals noch nicht.

1995, nach dem Ende ihres Studiums, versuchte ihr damaliger Professor in Frankfurt, Klaus Herding, sie davon zu überzeugen, ihr Interesse für die italienische Renaissance-Skulptur durch weitergehende Forschung und eine Promotion zu vertiefen. Er vermittelte ihr ein Stipendium an der Hertziana in Rom. Doch von Herz nahm die Chance nicht wahr: „Ich hatte diese fünf Jahre durch studiert und […] wollte zu gerne wieder arbeiten.“ So begann sie sich zu bewerben. „Kreuz und quer, überall, und es war schwierig.“ Ein wenig resigniert entschloss sie sich zu einem Praktikum. „Ich wusste, dass in Frankfurt mehrere Banken Kunst sammelten.“  Die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) bis dahin nicht, trotzdem habe sie sich dort beworben und bekam eine Praktikumsstelle. Allerdings hätte es aufgrund eines fehlenden konkreten Sammlungskonzepte zunächst an Aufgaben gefehlt. Man besaß ein wenig Kunst der Klassischen Moderne. Zeitgenössische Kunst fehlte gänzlich. So entwickelte von Herz Ideen für eine konzernweite Sammlung aus eigener Initiative. „So bin ich in die Aufgabe hineingewachsen.“

Ihr Praktikum wurde immer wieder verlängert, bis man für sie nach einem halben Jahr eine neue Stelle als Kunstbeauftragte einrichtete. Die Bank hatte sich entschlossen, für alle Standorte international 'richtig' Kunst zu sammeln, darunter auch für die Sitze in Madrid, London und New York usw. Umsetzung und Begleitung dieses Vorhabens sollte Juliane von Herz‘ Aufgabe werden. Aus dieser Erfahrung heraus rät sie heutigen Studierenden, sich ruhig einmal auf Dinge einzulassen, ohne dass man direkt wisse, wohin sie einen führen. „Ich glaube, dass Menschen spüren, ob man engagiert ist. Ich bin sicher,  dass man für Mut, Eigeninitiative und Entwicklungsgeist belohnt wird. Wenn man unter Beweis stellen kann, dass es einem ernst ist, dann ergeben sich daraus ganz viele wunderbare Dinge.“ Höhepunkt ihrer Laufbahn als Global Head of Art Department der Helaba sei die Kunst für das damals neu erbaute Hochhaus Maintower am Frankfurter Hauptstandort gewesen. In diesem Zusammenhang kam sie auch erstmals in Kontakt mit Site Specific Art, also Kunst, die für einen ganz konkreten Ort entsteht. Für das Hauptfoyer des Towers lud sie etwa den Videokünstler Bill Viola ein, seine erste große Videoinstallation als Auftragsarbeit im öffentlich Raum zu realisieren.

Etwa zur selben Zeit gründete Juliane Herz eine Familie und die ersten beiden Töchter kamen zur Welt. Der Job in der Bank wurde reduziert. Dann erhielt ihr Mann ein Jobangebot in London. Da von Herz mit der Sammlung im Maintowers die größte Herausforderung bewältigt  hatte, entschied sie sich für das Abenteuer in London. Und verließ die Bank. Es sollte der Anfang von Juliane von Herz‘ Weg in die Selbstständigkeit als Kuratorin werden. „Zuerst habe ich mir etwas tagträumerisch eingeredet, ich könnte ja einfach das, was ich vorher schon tat – Sammlungen aufbauen - nun als freie Beraterin machen.“ Darin lag schließlich ihre Kompetenz. Doch musste sie schnell feststellen, dass sich ihre Pläne in London nicht so einfach umsetzen ließen. „Da hatte natürlich niemand wirklich auf mich gewartet.“ Außerdem habe sie als Beraterin und Käuferin für eine große Bank bis dato einen völlig anderen Zugang zur Kunstszene gehabt – zu Galerien und Künstler*innen, weniger zu Sammler*innen. „Kurzum: Es funktionierte so nicht. Das war eine ziemliche Frustration.“ Ihre Verbindungen aus der Helaba-Zeit halfen ihr trotzdem weiter, als ein befreundeter Galerist auf sie zukam, der wusste, dass sie in Frankfurt immer wieder Projekte mit Leerstandsnutzung umgesetzt hatte. Er bot ihr an, einen großen Gallery Space im Londoner Westend zu bespielen. Die Zeit als Ausstellungsmacherin begann.

2006, drei Jahre später, kehrte die Familie nach Frankfurt zurück. Ein befreundeter Galerist sollte als Direktor der Art Frankfurt die damalige Frankfurter Kunstmesse wieder auf Trab bringen und holte von Herz dazu, da er den Relaunch der Messe als Ausstellung gestalten wollte. Die folgenden Jahre betreute sie als Kuratorin verschiedene größere Projekte unterschiedlichster Art.

Wie sie zu den unterschiedlichen Projekten kam? „Ich denke, es gibt zwei Pfade: Es gibt Ideen, die in einem arbeiten und nicht mehr in Ruhe lassen, man ist von ihnen besessen. An ihnen strickt man innerlich weiter, bis man irgendwo Anker findet oder Ideen hat, wie man sie umsetzen kann. Das andere sind die Aufträge, die an einen herangetragen werden. Zweites ist natürlich extrem komfortabel.‘“ So war es etwa bei einem Artist-in-Residence-Programm im Schweizer Gstaad, das sie von 2007 bis 2010 betreute.

Eine Projektidee, das langsam in ihr heranwuchs, war das internationale Skulpturen-Projekt ROSSMARKT3, das in Kooperation mit zahlreichen Stiftungen und der Stadt Frankfurt entstand und welches Schüler*innen der städtischen Oberstufen, Expert*innen und Künstler*innen für die Realisierung von großen Installationen als Auftragswerke im öffentlichen Raum zusammenbrachte. Ein partizipatives Bildungs- und Kunstprojekt. Prägend hierfür waren die Jahre in London mit seinen zahlreichen Projekte im öffentlichen Raum, wie  ‚Fourth Plinth‘ am Trafalgar Square, die über Jahre, auch mit Rückhalt, Überzeugung und Interesse der Zivilgesellschaft, mitgetragen würden.  „Das hat mir imponiert. Ich kenne in Deutschland fast nichts Vergleichbares.“ Der Ansporn, etwas Ähnliches in Deutschland umzusetzen, war der Startschuss für die Idee eines internationales Skulpturenprojekts in Frankfurt. Mit dem Rossmarkt, einem geschichtsträchtigen, großen, zentralen Platz mitten in der Innenstadt, der eine wunderbare Plattform für Kunst bietet, fand die Kuratorin einen geeigneten Ort. Von 2009 bis 2013 stellten hier die Künstler*innen Tomàs Saraceno, Tamara Grcic und das Künstlerkollektiv Gelitin aus. „Es war ein wunderbares Projekt.“

Heute leitet von Herz die Gesellschaft Euphoria, die Kunst im Freiraum als integralen Teil des urbanen Raums und Stadtentwicklung begreift. Gleichzeitig berät Euphoria Sammler*innen und Institutionen mit Kunst und in kulturellen und strategischen  Angelegenheiten, macht Ausstellungen und ist wissenschaftlich tätig. Dabei arbeitet sie in einem interdisziplinären Team mit Kolleg*innen, das sich bei größeren Projekten ausweitet und so stetig wächst, darunter Produktioner*innen, Stadtplaner*innen, Architekt*innen und junge Kurator*innen.

Zum Schluss haben wir mit von Herz über die Herausforderung des Mutterseins für die berufliche Laufbahn in der Kunstwelt gesprochen. „Ich kenne wirklich nicht viele Frauen in führenden Positionen im Kulturbetrieb mit mehreren Kindern und dafür muss es ja einen Grund geben.“ Sie erzählt von Jobangeboten, für die sie geeignet gewesen sei, aber bei denen ihr dann gesagt wurde: „Du hast drei Kinder, wie willst du das machen? Das schaffst du gar nicht. Wir brauchen jemanden, der 24 Stunden arbeitet.“ An dieser Stelle lacht sie: „Aber genau das machen wir, die Kinder haben, ja sowieso alle.“ Ihrer Ansicht nach stehe sich das Eltern- und Berufstätigsein nicht im Weg – im Gegenteil: Die Erziehung ihrer drei Kinder hätte sie viel Flexibilität und unglaubliche Schnelligkeit im Arbeiten gelehrt. Tag und Nacht. Sicher, es sei nicht alles immer einfach gewesen, doch könne man als Eltern Vielem mit größerer Gelassenheit begegnen, „…man ist entspannt, weil einen die Familie durch diese Vielfachaufgaben auf alles vorbereitet hat. Man nimmt sich vor allem selbst nicht so ernst. Gar keine Zeit dafür. Und man ist auch Kritik ausgesetzt und muß viel Teamgeist besitzen.“ Daher betont sie, dass man bloß nicht aus beruflichen Gründen auf Familie oder Kinder verzichten solle.  „Es wäre ein fataler Schluss zu sagen: ‚Ich kann nur Karriere machen, wenn ich auf Familie verzichte.‘“ Für sie selbst stellte sich die Selbstständigkeit als geeigneter Freiraum heraus, beides – Familie und Beruf – zu verbinden: „Alles ist richtig, wie es war. Ich würde es nie anders entscheiden.“

Wir bedanken uns bei Juliane von Herz für das schöne Gespräch und sind gespannt auf ihr nächstes Projekt für Euphoria!

 – Valentina Bay, veröffentlicht am 1. April 2022