Mit Kunstgeschichte ins Ausland

Wieso wir alle von einem „semester abroad“ nur profitieren

Ein Artikel über Gründe für einen Auslandsaufenthalt im Kunstgeschichtsstudium während einer Zeit, in der aufgrund einer weltweiten Pandemie wöchentlich neue Reisewarnungen verkündet werden? Nennt uns verrückt, aber JA. Denn einmal sind wir Optimisten und außerdem benötigt das Auslandssemester genau jetzt ein bisschen Zuspruch, damit es nicht in Vergessenheit gerät.

Die Gründe für ein Auslandssemester sind − Studienfach unabhängig − schnell aufgezählt: Neue Kontakte, reisen, internationale Erfahrung, kultureller Austausch, Verbesserung der Sprachkenntnisse, Erweiterung des Horizonts, Pluspunkte im Lebenslauf.

Aber was bedeutet es eigentlich, mit dem Fach Kunstgeschichte ins Ausland zu gehen? Und wie holt man für sein Studium und den eigenen Werdegang das meiste daraus?

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Eigentlich bekommt man in Kunstgeschichte ab dem ersten Semester ziemlich deutlich mit: Ohne Fremdsprachen läuft hier nichts. Denn die Internationalität der Kunst bedeutet auch gleichzeitig, dass Universitäten aller Länder und Sprachen sich mit ihr befassen und dazu Forschungsergebnisse veröffentlichen. Englische Texte stehen von Anfang an auf der Tagesordnung und auch eine weitere romanische Sprache stellt sich sehr bald als durchaus nützlich heraus. Kein Wunder, dass bei der Zulassung oft mindestens zwei lebendige Fremdsprachen erwartet werden. In dieser Hinsicht ist der Gang ins Ausland ein schlauer Schritt: Anstatt in zusätzlichen Sprachkursen lassen sich im Land vor Ort die eigenen Sprachkenntnisse viel leichter verbessern. Außerdem eignet man sich im besten Fall Fachvokabular an, das auch innerhalb des weiteren Studiums in Deutschland hilfreich sein kann. Werden an der Gastuniversität zusätzlich Kurse in weiteren Sprachen angeboten, kann man gleich mehrere Sprachen fachlich vertiefen. Davon kann man auch nach der Universität profitieren. Denn, so international wie das Studium, kann später auch das Berufsleben sein. So ist je nach Bereich, in dem man landet, Englisch unerlässlich und auch andere Sprachen können von Vorteil sein.

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Kunstgeschichte ist ein sehr freies Fach, das von Beginn an ein hohes Potenzial für Spezialisierung bietet. Durch themenspezifische Seminare entwickelt eigentlich jede*r Student*in nach Abschluss der Einführungsmodule schnell eigene Schwerpunkte. Ob strategisch oder nicht, beziehen sich diese oft auf bestimmte Epochen und/oder gewisse Länder. Von daher ist es durchaus sinnvoll, in einem Auslandssemester seine persönlichen Interessen vor Ort zu vertiefen. Wer etwa ein großes Interesse für die französische Malerei des 19. Jahrhundert hat, dem bietet ein Auslandssemester in Paris die großartige Möglichkeit, in den Museen vor Ort die Kunst eines Manet, Gérôme oder Courbet im Original zu betrachten. Wofür man sonst eine Reise plant und innerhalb von wenigen Tagen versucht, so viel wie möglich zu sehen („…denn man ist nun einmal nur so kurz da!“), hat man ein ganzes Semester oder sogar Jahr Zeit, die Kunst einer fremden Stadt und auch eines Landes zu erkunden, Ausflüge zu machen und Orte zu entdecken, die man bei einem Kurztrip nicht gesehen hätte.

Den eigenen Interessen zu folgen, kann aber auch bedeuten, sich an der Gastuniversität weiter zu spezialisieren. Eventuell gibt es Schwerpunkte, welche die eigene Universität nicht oder nur kaum anbietet. Aber auch die Art und Weise der Lehre kann eine Erweiterung sowohl für das eigene Wissen als auch den Horizont darstellen. Ein akademischer Perspektivwechsel ermöglicht neue Sichtweisen auf bestimmte Themen oder macht auf Aspekte aufmerksam, die man bisher noch nicht auf dem Schirm hatte. Darüber hinaus bereichern nicht nur die Lehre oder der Blick auf das Original, das man bisher nur aus Abbildungen kannte, sondern auch der Austausch mit ausländischen Kommiliton*innen. Das kann ein gemeinsames Referat sein oder ein Ausstellungsbesuch. Der italienische Blick auf das deutsche Bauhaus, das Bild der Niederländer auf ihren nationalen Superstar Van Gogh, der dänische Eindruck vom französischen Impressionismus. Immer ist es eine neue Sichtweise, die den eigenen Umgang mit Kunst bereichert oder sensibilisiert. Oft sind es Nuancen, aber genau um die geht es in der Kunstgeschichte häufig.

Auch der Austausch mit ausländischen Studierenden ist selbstverständlich nicht nur auf Wissensebene eine Bereicherung. Viele internationale Freundschaften können durch ein Auslandssemester entstehen und eventuell, je nachdem in welche Richtung es für beide geht, kann hieraus später mal ein Kontakt im beruflichen Netzwerk werden. Möglicherweise arbeitet der*die Kommiliton*in von damals später in genau dem Museum, dessen Bild man für die eigene Ausstellung gerade anfragen möchte.

Schließlich bietet ein Auslandssemester auch die Möglichkeit, internationale berufliche Erfahrung zu sammeln. Man kann sich etwa vor Ort für Praktika bewerben: parallel zum Semester oder für die Zeit im Anschluss. Vielleicht gibt es auch deutsche Institutionen, wenn man sich mit seinen Sprachkenntnissen nicht sicher fühlt. Oder man nimmt die Zeit als Motivation, sich in einer anderen Stadt oder sogar Land zu bewerben. Denn man hat während dieses Semesters gelernt, dass man sich in einem fremden Land in einer anderen Sprache an einer unbekannten Universität behaupten kann. Allein diese eigene Bestärkung ist schon Grund genug, das Abenteuer Ausland zu wagen. Dass man mit Kunstgeschichte dabei durch all die Kunst in Museen und die Architektur, die man aus dem Studium in Deutschland kennt, sein Fach immer überall ein bisschen mit hinnimmt, macht es nur noch besser.

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Und an alle, die ein wenig Bammel haben, einem Auslandsstudium und dem oben beschriebenen nicht gewachsen zu sein: Augen zu und ins kalte Wasser springen. Jede*r, der*die bereits ein Semester im Ausland war, hatte irgendwann einmal Muffensausen. Doch uns ist niemand bekannt, der*die es nicht gepackt hat und nicht mit strahlender Begeisterung von dieser Zeit spricht. Denn wie man auch, wenn man einmal schwimmen gelernt hat, sich immer irgendwie über Wasser halten kann, so hat doch jede*r so viel Lebens- und Studienerfahrung, um in einem anderen Land zu bestehen. Notfalls stehen Heimat- und Gastuniversität sowie Studentenorganisationen, die sich um ausländische Studierende kümmern, jederzeit für jede noch so banale oder lebenswichtige Frage und Angelegenheit zur Verfügung.

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Sicher ist es in der momentanen Corona-Pandemie nicht einfach, ein Auslandssemester anzutreten und erfordert noch ein bisschen mehr Mut als ohnehin. Überall auf der Welt ist das Alltagsleben stark eingeschränkt und die meisten Universitäten haben die Lehre ins Digitale verlagert. Somit ist ein Auslandssemester vielerorts derzeit nicht mit jenem aus Prä-Corona-Zeiten zu vergleichen. Beschriebene Aspekte wie Ausflüge und Ausstellungsbesuche sind schwerer realisierbar oder können je nach Pandemiesituation ganz wegfallen. Programme wie Erasmus+ versuchen derzeit, Studierenden den Aufenthalt für die anstehenden Semester – soweit es verantwortungsvoll geht – trotzdem zu ermöglichen.

Einige Länder und Universitäten haben eigene Regeln und Maßnahmen bzgl. ihrer ausländischen Studierenden. Hierzu kann man sich auf den Websites der eigenen Universität, dem Deutschen Akademischen Austauschservice und Erasmus+ informieren. Allerdings muss schließlich jede*r für sich entscheiden, ob er*sie den Schritt ins Ausland momentan wagen möchte. Die Bewerbungsfristen für das kommende akademische Jahr sind in der Regel im Februar oder März davor (Jede Universität hat hier ihre eigenen Bewerbungsfristen). Inwiefern sich die Situation bis 2021 verändert oder – was zu hoffen bleibt –  in Ansätzen sogar wieder auf Prä-Corona-Zeiten normalisiert hat, ist momentan schwer kalkulierbar. Im Zweifelsfall kann man sich bei erfolgreicher Bewerbung jederzeit trotzdem noch gegen den Antritt des Semesters entscheiden.  Sollte man aber den Schritt ins Ausland wagen, können einen ganz besondere (Kunst-)Erlebnisse erwarten wie ein leerer Louvre oder die Sixtinischen Kapelle ganz für sich allein.

- Valentina Bay, veröffentlicht am 18. September 2020