Prof Dr Thomas Girst_Portrait_(c) BMW AG

Prof. Dr. Thomas Girst

Leiter des globalen Kulturengagements

der BMW-Group, München

„Mein Anspruch im Leben ist immer der eines ‚Sowohl als auch‘ und nicht der eines ‚Entweder oder‘.“  Was Thomas Girst, Manager des Kulturengagement der BMW-Group, damit genau meint, offenbart sich beim Blick auf seinen vollen und vielfältigen Lebenslauf. Entsprechend seines Leitspruches entschloss er sich nach Beendigung des Zivildienstes für ein Studium seiner drei großen Leidenschaften Kunstgeschichte, Anglistik und Neuere deutsche Literatur an der Hamburger Universität. Früh begann er neben seinem Studium zu arbeiten. Zwei Jahre lang war er studentischer Mitarbeiter beim Bildindex für politische Ikonographie im Warburg Haus.

© BMW-AG

Außerdem gab er von 1992 bis 2002 mit dem Lyriker Jan Wagner die Literaturzeitschrift Außenseite des Elementes heraus. Rückblickend hätten ihn diese Tätigkeiten gelehrt, seinen Leidenschaften eine Form zu geben.

Während seines Studiums träumte Girst davon, einmal an der New York University zu studieren. Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, vermittelt durch das Hamburger      Amerikanistik-Institut, ermöglichte ihm 1995 diesen Wunsch. In New York angekommen, wusste der junge Student schnell, dass er in der Stadt am East River bleiben wollte. Daher kontaktierte er bereits während seines Studiums an der NYU einen von ihm sehr geschätzten Kunsthistoriker und fragte diesen ganz direkt, ob er nicht für ihn recherchieren und arbeiten dürfe – er durfte. Zwar ohne Bezahlung, doch über diesen Kontakt ergab sich zum Ende von Girsts Studienzeit eine Stelle als Research Assistant bei dem Galeristen Achim Moeller an der Upper East Side. Dort arbeitete er unter anderem an dem Werkverzeichnis des Malers Lyonel Feininger. Ein Jahr lang war er in der Galerie tätig. Dann erhielt er das Angebot, für den Harvard-Professor Stephen Jay Gould in dessen Art Science Research Laboratory in SoHo die Forschungsleitung zu übernehmen. Dortiger Untersuchungsgegenstand war die Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft.

Girst beendete sein Hamburger Studium schließlich von New York aus. Durch seine Vollzeitarbeit parallel zum Studium hatte sich sein Magisterabschluss beträchtlich in die Länge gezogen. Nichtsdestotrotz entschied er sich aus seiner Leidenschaft zur Kunst heraus im Anschluss zu einer Promotion – erneut berufsbegleitend. Die Möglichkeit, sich in ein Thema seiner Wahl hineinzuarbeiten und dieses zu untersuchen, habe er als unglaubliches Privileg empfunden. Girst beschäftigte sich damals mit Kunst und Literatur, die in japanisch-amerikanischen Internierungslagern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs entstanden war. Ihn faszinierte, dass selbst, wenn Propaganda, Zensur und Manipulation als äußere Umstände es fast unmöglich machten, dennoch Kunst entstehe. Für ihn zeige sich hier deutlich: „So sehr die Kultur auch heute darbt, so mache ich mir keine Gedanken um ihren Fortbestand. Denn sie ist umso mehr ein essenzieller Bestandteil dessen, wofür wir Menschen hier auf der Erde sind und womit wir miteinander kommunizieren.“ Den Schritt in Richtung akademische Laufbahn zu wagen, stand für ihn allerdings nie zur Debatte: „Dieses Selbstreferentielle des Akademischen hat mich in gewisser Weise befremdet. Ich finde es viel wichtiger, Menschen zu erreichen und draußen auf der Straße seine Theorien zu behaupten. Man will ja auch immer andere teilhaben lassen an dem, was man tut.“

Manchmal komme es einem Spagat gleich, „[…]den Anspruch zu verfolgen, potenziell möglichst viele Menschen zu erreichen, ohne die Komplexität von etwas zu verwässern.“ Genau wie die sportliche Übung müsse man daher auch inhaltliche Vermittlung üben. In seiner ersten literaturwissenschaftlichen Hausarbeit habe er noch versucht, möglichst kompliziert zu formulieren. Doch schnell sei ihm klar geworden, wie viel sinnhafter und schöner es sei, sich so auszudrücken, dass es für alle verständlich würde – auch für Personen ohne akademischen Hintergrund. Diese Einstellung zieht sich bis heute durch Girsts Tun. Seines Erachtens nach drehten sich die Geisteswissenschaften im Elfenbeinturm oft zu viel um sich selbst und würden die Türen vor der Außenwelt zustemmen. Nur für diesen kleinen akademischen Kreis zu sprechen, empfinde er jedoch als grob fahrlässig. „Das ist ein Verrat an der Kunstgeschichte.“

So scheint es nur konsequent, dass er in New York auch als Kulturkorrespondent und Kolumnist für die deutsche Zeitung taz arbeitete. Das Schreiben hat einen hohen Stellenwert in Girsts Leben. Als Autor veröffentlichte er bereits mehrere Bücher, bspw. Alle Zeit der Welt, 2019. Auch wenn er das Schreiben sehr liebe, sei für ihn jedoch nie in Frage gekommen, dies hauptberuflich und ausschließlich zu machen. Denn, „selbst, wenn man ein Buch schreibt, das in viele Sprachen übersetzt wird, zahlt Ihnen das noch nicht einmal die Miete.“ Vielmehr sei er glücklich darüber, dass seine berufliche Tätigkeit ihm ermögliche, in seiner Freizeit Bücher zu schreiben, von deren finanziellem Erfolg er nicht abhängig sei.

2003 kehrte Girst New York den Rücken zu. Neben der Zäsur des 11. September 2001, den er vor Ort miterlebt hatte, habe er sich damals auch privat zurück nach Deutschland orientiert. Einen Job hatte er bei seinem Entschluss noch nicht in Aussicht. „Ich habe mich deutschlandweit auf Jobs beworben, die ausgeschrieben waren, und habe mit Leuten geredet, die irgendwo tätig waren und die ich kannte.“ Nicht bloß reagieren, sondern proaktiv auf Leute zugehen, empfiehlt er uns. „Jedes einzelne Gespräch bringt Sie weiter. […] Oft führt man die Gespräche nicht, etwa aus Angst vor einer Absage und so leckt man seine Wunden lieber, als dass man sich draußen testet und versucht, zu erfahren, was letztendlich auch der eigene Marktwert ist.“ Denn darüber sollte man sich im Klaren sein: Niemand anderes als man selbst renne am Ende des Tages dem eigenen Job hinterher. Drei „Bewerbungstourneen“ durch Deutschland und unzählige Bewerbungsverfahren später landete er schließlich bei BMW. Dort suchte man eine Nachfolge für die damalige Leiterin des Kulturengagements der BMW-Group. „Das war eine Blindbewerbung. Eine von vielen.“ Zuvor hatte ihm sein Umfeld wegen seiner hohen Semesterzahl noch prophezeit: „Du kriegst keinen Job mehr in Deutschland.“ Aber am Ende sei dieses ‚Problem‘ eine einzige Frage im Bewerbungsgespräch gewesen: „‚Also, wenn wir uns das hier anschauen, Herr Girst, dann haben Sie 20 Semester studiert.‘ und dann sagte ich: ‚Und ab dem siebten Semester hauptberuflich gearbeitet.‘“ Danach sei die lange Studiendauer kein Thema mehr gewesen. Girst kommentiert: „Diese Stigmata, wegen denen man manchmal strauchelt, sind vielleicht genau die, die es für andere spannend macht, sich mit einem auseinanderzusetzen.“

Seit nun 18 Jahren verantwortet Girst das Kulturengagement der BMW Group für die Marken Mini, Rolls Royce und BMW. Das bedeute die Navigation jährlich hunderter Engagements für das Unternehmen weltweit. Über 2000 Anfragen erhalte BMW Culture im Jahr. Seit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 kämen zunehmend Hilferufe hinzu, für die man sich als Unternehmen, das halbwegs erfolgreich durch die Krise manövriere, auch in einer gewissen gesellschaftlichen Verantwortung sehe. Girsts Arbeitsalltag bestehe aus der Koordination all dieser Projekte: „Morgens rede ich mit meinen chinesischen Kollegen, mittags mit den russischen und afrikanischen Kollegen und am Abend mit meinen süd- und nordamerikanischen Kollegen. Das heißt, Sie sind in den Headquarters als Dienstleister für die Märkte tätig und benennen die Koordinaten für Kulturengagement oder helfen bei Vertragsverhandlungen, ohne vorzuschreiben, was es inhaltlich zu tun gibt.“  Diese Aufgabe beinhalte auch das Kämpfen um sowie die Allokation der finanziellen Mittel und das Erarbeiten von Narrativen und Key Visuals für die jeweiligen Kooperationen mit Kultureinrichtungen – egal, ob nun Messe, Museum oder Konzerthaus. Hierbei sei es enorm wichtig, die Projekte in Bildern zu denken. Denn am Ende gehe es immer darum, die Marke BMW als integralen Teil des Narrativs der jeweiligen Förderung zu präsentieren. „Das müssen Sie immer mitbeachten. Denn von Unternehmensseite wird nichts aus altruistischen, mäzenatischen oder philanthropischen Gründen getan, sondern, so viel Ehrlichkeit muss sein, für die Visibilität und die Reputation des Unternehmens.“

Girst übt damit heute einen Manager-Job aus, obwohl er nie Management oder Marketing, sondern stattdessen zwei Sprachen und Kunstgeschichte studiert hat. Er empfinde dies nicht als Manko, vielmehr profitiere er davon. „Ich denke, es ist gut und mutig, jemanden einzustellen, der die Sensibilitäten von Kulturinstitutionen und Kulturschaffenden kennt.“ Was man als Kulturmanager mitbringen müsse? „Ich glaube vor allem, Sie müssen verdammt noch mal – und, dass macht das Leben auch so viel schöner -  für die Dinge brennen, die Sie tun.“ Er fügt hinzu: „Wenn sich Ihre Leidenschaft und Ihr Job zu 70 Prozent überschneiden, dann ist das ein Sechser im Lotto.“ Denn die Wahrscheinlichkeit, eine Kulturmanagement-Stelle nach einem gleichnamigen Studium zu ergattern, halte er leider Gottes für sehr gering. Oft habe er das Gefühl, dass der Studiengang Kulturmanagement vermeintlich mit höheren Job-Chancen verbunden sei als etwa Kunstgeschichte. Zumindest beruhigt es womöglich die Eltern: „Da steckt ja schon das Wort Management drin, dann kann es ja nicht so schlimm sein.“  Dabei gebe es faktisch sehr wenige explizite Stellen für Kulturmanager*innen und noch weniger Bewegung auf dem Arbeitsmarkt.

Seit 2009 lehrt Girst neben seiner Stelle bei BMW auch an verschiedenen europäischen Hochschulen, u.a. in Venedig, Zürich, Madrid und München. Er selbst betrachte sich hierbei als Mentor, von dessen Wissen und Erfahrungen Studierende im Bestfall via Wissenstransfer und Erkenntnisgewinn profitieren können. In diesem Sinne arbeite er gerade auch an dem Buch Cultural Management. A Global Guide. An den Hochschulen halte er Kurse zu seinen Steckenpferden wie Zeit, Künstlerreisen, Dada, Surrealismus, frühe Avantgarden, Wort & Bild  sowie Kulturmanagement. Letzteres, weil er eben im Bereich von Wirtschaft und Kultur nun einmal tätig ist. Auch wenn man natürlich nie alle erreiche, gebe es immer diese zwei Personen im Kurs, die man mit seinem Gesagten zu mehr ermutige. Wenn man das erreiche, „das ist eine wunderschöne Erfahrung im Leben.“ Natürlich profitiere er auch für sich persönlich von seiner Lehrtätigkeit. Denn durch die Studierenden erfahre er von neuen Diskursen, die er in seinem eigenen beschränkten Sichtfeld sonst nicht wahrnehmen würde. Neugier sei beidseitig ein essentieller Charakterzug, den es zu wahren gilt.

Darüber hinaus war und ist Girst noch in vieles weiteres involviert: Als Kurator war er an verschiedenen Ausstellungen beteiligt und er ist (Vorstands-)Mitglied in verschiedenen Fördervereinen, Arbeitskreisen und Kuratorien von Kultureinrichtungen. Als wir ihn fragen, wie er das alles zeitlich schafft, entgegnet er: „Das sieht immer so viel im Lebenslauf aus. Aber es gab auch Zeiten, da habe ich nur mit Tiefkühlpizza tagelang vorm Fernseher gesessen.“

Im Laufe unseres Gesprächs kommt der Kulturmanager immer wieder auf die Unsicherheit zu sprechen, die Kunstgeschichtsstudierende bei dem Gedanken an die eigene berufliche Zukunft umtreiben. „Ich kann mich noch sehr genau an diese Unwägbarkeiten und Unsicherheiten erinnern, die ich mit Anfang bzw. mit Mitte Zwanzig hatte.“ Die zahlreichen, vielfältigen Möglichkeiten können überfordern. Aber, „ich glaube, wenn man den Facettenreichtum von dem, was man tun kann, nicht zum Tot-Stell-Reflex nutzt, weil es einem Angst macht, sondern eher als bunten Blumenstrauß an Möglichkeiten begreift, dann kann man besser navigieren.“ Außerdem könne man nie wissen, wo man mit seinem Studienfach am Ende beruflich lande: „Man jongliert ja immer mit Unbekannten. Und es gibt nicht diesen einen einzigen Job, für den Sie jemand findet.“ Franz Kafka habe einmal gesagt, man schlage sich selbst mit einer Machete den Weg durch das Dickicht des eigenen Lebens. Dementsprechend sei das Problem mit dem eigenen Lebenslauf, dass niemand vor einem diesen Weg gegangen sei. Aber Kafkas Worte implizieren auch: Man hat das Werkzeug schon in der Hand.

 

„Ich will diese Zeit der Unsicherheit nicht schmälern, und auch die Existenzängste, die damit einhergehen können. Aber gleichwohl werden Sie immer wieder auf das zurückgeworfen, was Sie können. Ich denke, wenn Sie sich auf all die Dinge beziehen, die Sie schon geleistet haben, können Sie das als Stärke mitnehmen. Am Spannendsten ist es doch stets bei den ausfranselnden Randgebieten seiner selbst. Wenn Sie ein Dach über dem Kopf haben, keinen Hunger leiden, nicht krank sind und keinen Liebsten verloren haben, dann haben Sie auch die Pflicht, nicht hinter Ihren Möglichkeiten zurückzubleiben – egal, wie oft Sie dabei auf die Schnauze fallen “

Und die erste Stärke beginne bereits mit der Studienfachwahl:

„Mir war lange nicht klar, dass wir [Geisteswissenschaftler*innen] alle einen großen Mut bei der Auswahl unseres Studienfachs beweisen. […] Die Menschen, die Jura oder BWL studieren, die machen das weniger aus einer Passion als aus dem Impetus heraus, später sich selbst oder eine Familie damit zu ernähren. Da geht es mehr um Geldverdienst und das ist ja auch völlig legitim. Aber, wenn man Kunstgeschichte studiert, dann studiert man das aus einer Leidenschaft. Man denkt den Gedanken gar nicht, wo man sein könnte und ob man jemals damit Geld verdient. Und nach eben dieser Leidenschaft sehnt sich jeder Arbeitgeber.“

Für den weiteren Weg rät er: „Sie müssen sich davon freimachen, dass es immer Entscheidungen zwischen richtig und falsch gibt. Es gibt einfach nur verschiedene Optionen. Man entscheidet sich für das eine und nicht für das andere.“ Und jeder kleine Schritt führe weiter, unabhängig von der Richtung: „Die Weichen stellen Sie unaufhörlich. Das heißt aber nicht, dass Sie nicht auch parallel bestimmte Dinge fahren können. Man sollte sich nicht zu sehr auf eine Option einschießen, sondern sich vieles offen halten.“  Von was man träume, sollte man auch tun. „Es geht ja darum, jetzt alles auszuleben. Besser, es stoppt Sie jemand, als dass Sie sich selbst stets zurücknehmen in Ihren Möglichkeiten.“ Denn: „Das Leben ist keine Generalprobe. Das muss man nur begreifen.“

Wir bedanken uns bei Thomas Girst für seine Zeit und wünschen ihm, dass er bald in Südfrankreich sitzen und nur noch Bücher schreiben kann!

 - Valentina Bay, veröffentlicht am 23.04.2021