Univ.-Prof. Dr. Johannes Grave

Professor für Neuere Kunstgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Porträt Grave - Foto Anne Günther FSU Je

Es müsse 1996 zur Zeit seines Zivildienstes gewesen sein, als Grave sich für ein Studium und seine Fächerwahl entschied. „[...] ich hatte zunächst als Hauptfach Philosophie gewählt, studierte dann die längste Zeit Mittellateinische Philologie im Hauptfach und bin zum Hauptfach Kunstgeschichte erst relativ spät im Studium gewechselt.“
Bei der Wahl des Studienortes sei der gebürtige Emsländer systematisch vorgegangen. Weil er gerne in den Südwesten Deutschlands wollte, informierte er sich über die Studienangebote in Heidelberg, Tübingen und Freiburg. Er verglich die drei Städte miteinander, und letztlich fiel seine Entscheidung auf Freiburg. 

 © Anne Günther/FSU Jena

Im Anschluss an sein Magisterstudium bekam er 2001 die Möglichkeit, ein Stipendium bei seiner Studienstiftung für einen bis zu neunmonatigen Auslandsaufenthalt nach dem Examen zu beantragen. „Denn während ich noch Mittellatein im Hauptfach studierte, hatte ich den Plan, nach York zu gehen. Aber die Realisierung des Plans fiel genau in die Zeit, in der ich dann zur Kunstgeschichte wechselte und gut damit zu tun hatte, die Zwischenprüfungen nachzuholen, und deswegen bin ich während des Studiums nicht mehr ins Ausland gegangen.“ Mehrere vorangegangene Besuche in Rom hatten dazu geführt, dass er sich für einen längeren Aufenthalt in der Ewigen Stadt entschied. Ursprünglich wollte er den Auslandsaufenthalt nutzen, um sich mit der römischen Malerei um 1600 intensiver auseinanderzusetzen und ein Promotionsprojekt auszuarbeiten.

Bereits während seines Studienverlaufs habe sich herauskristallisiert, dass er sich zukünftig am ehesten die wissenschaftliche Arbeit an einer Hochschule oder eine Tätigkeit im Museumsbereich vorstellen könne. Zusätzlich zeichnete sich ab, dass er in Freiburg nicht weiterhin bleiben würde. „Und da war dann, – zumal damals und zumal bei einem Schwerpunkt auf der älteren Kunst – klar, dass man promovieren muss. Deswegen musste ich mir im Prinzip über die Berufsfrage noch keine allzu konkreten Gedanken machen. Das konnte ich einfach verschieben. Denn es lag auf der Hand, dass ich in den Feldern, die ich vage vor Augen hatte, ohnehin eine Promotion brauchen würde.“

 

Im Zuge der Magisterarbeit und eines Briefwechsels mit dem deutschen Kunsthistoriker Prof. Dr. Werner Busch über Caspar David Friedrich verschob sich die Thematik seiner Promotion auf die deutsche Kunst um 1800. Als er nach Rom ging, sei ohnehin noch nicht klar gewesen, ob er tatsächlich „ein sinnvolles Projekt entwerfen“ und jemanden finden würde, der es betreue. „Insofern war das in gewisser Weise noch ein Prozess mit offenem Ausgang.“ Schließlich bereitete er im Austausch mit Busch ein Dissertationsprojekt zu den sächsischen Nazarenern vor.

Aufgrund einer Stellenausschreibung an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena verkürzte sich der Aufenthalt in Rom allerdings auf vier Monate. Denn nach erfolgreicher Bewerbung trat er noch im Jahr 2001 eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich "Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800" an. Das brachte eine erneute thematische Verschiebung mit sich. In einem solchen Sonderforschungsbereich seien verschiedene Teilprojekte angesiedelt, in denen bestimmte Fragestellungen oder Gegenstandsbereiche erforscht würden. Unter anderem war die Beschäftigung mit Goethe als Sammler von Druckgraphiken und Zeichnungen vorgesehen. Zu diesem Thema promovierte Grave letztlich 2005. „Das ist eine besondere Konstellation, denn da kommt man als Fremdling zu einem Thema, das schon umrissen worden ist. […] Es hat dann ungefähr ein Jahr gebraucht, bis ich merkte, wo jetzt genau die Stelle ist, an der ich meinen Hebel ansetze, und wie ich dieses Thema dann tatsächlich angehe, so dass es auch zu meinem eigenen Thema wird.“

 

Auch nach der Promotion war für Grave noch nicht entschieden, wohin es für ihn genau gehen sollte. Sowohl Museum als auch Hochschule waren eine Option. "Es scheint mir eigentlich auch nach wie vor ganz vernünftig, realistisch zu sein und sich nicht zu früh auf eine Option zu versteifen, sondern sich auch immer bewusst zu machen, welche Vor- und Nachteile die jeweiligen Optionen haben und dass es eigentlich, wie so häufig im Leben, mehrere gute Lösungen gibt.“ Sein Weg führte ihn nach der Dissertation nach Basel, wo er von 2005 bis 2009 an der Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsschwerpunkt „Bildkritik“ tätig war. „Der Forschungsschwerpunkt war gerade eingerichtet worden und Basel schrieb eine Vielzahl an Stellen aus.“ 

Im Sommersemester 2007 ergab sich dann zusätzlich die Gelegenheit eines Lehrauftrags als Junior-Gastprofessor an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Gegenstand der Vorlesungen seien aktuelle Forschungsthemen gewesen, in seinem Fall die italienische Malerei der Frührenaissance. Die Einbindung der laufenden Forschung sei dabei in Jena ausdrücklich erwünscht gewesen „damit die dortigen Studierenden von Semester zu Semester immer wieder Einblicke bekommen, was gerade in der Forschung läuft.“ Das Modell, jedes Semester eine*n Senior-Gastprofessor*in und eine*n Junior-Gastprofessor*in nach Jena zu holen, sei eine Besonderheit gewesen und auf Franz-Joachim Verspohl zurückzuführen. „Senior-Gastprofessoren waren diejenigen, die schon emeritiert waren. Da wurden Kollegen wie Alexander Perrig geholt; dazu lud man, sozusagen als Tandem, Junior-Gastprofessoren ein. Andere hätten einfach nur von einem Lehrauftrag gesprochen, aber Verspohl hat das auf diese Weise aufgewertet und dafür gesorgt, dass die Junior-Gastprofessur tatsächlich auch mit einer Vorlesung ins Rennen gehen musste.“

 

Zwischenzeitlich erhielt Grave das Angebot für eine Stelle als Assistent an einer anderen Universität, die ihn aufgrund der stärkeren Einbindung in die Lehre reizte. In Basel hatte sich bisher nicht die Chance zu eigenen Lehrveranstaltungen ergeben, sodass er neben dem Semester in Jena auch an der Universität Freiburg Seminare gegeben hatte. Dennoch fehlte ihm die Möglichkeit, Studierenden über eine längere Zeit hinweg zu begleiten. Da Basel aber durchaus Interesse daran hatte, ihn auch weiterhin zu beschäftigen, wurde er am dortigen Kunsthistorischen Seminar stärker in die Lehre einbezogen. Parallel habe er unter anderem mit Professor Dr. Andreas Beyer und der Klassik Stiftung Weimar das Forschungsprojekt „Sinnlichkeit, Material, Anschauung“ auf den Weg gebracht; und um „den Beginn dieses Projektes gut vorzubereiten“, war er dann 2009 für zwei Monate mit einem Werkvertrag bei der Klassik Stiftung Weimar beschäftigt.

In der Folge, also von 2009 bis 2012, wurde er nach einem erfolgreich absolvierten Bewerbungsverfahren Stellvertretender Direktor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte Paris/Centre allemand d'histoire de l'art Paris (DFK Paris). Die Aufgabenfelder seien dabei sehr vielfältig gewesen. „Im Prinzip war ich in fast alle Vorgänge in irgendeiner Form mit eingebunden.“ Darunter fielen unter anderem die konzeptionelle Ausarbeitung der Jahresthemen, die Auswahl der Stipendiat*innen, Stellenbesetzungen, Öffentlichkeitsarbeit, die Vertretung der Institution gegenüber Dritten, die Begleitung der Publikationsvorhaben und die Organisation von Veranstaltungen. „Das hängt natürlich auch davon ab, wie ein Direktor und sein Stellvertreter das organisieren. Andreas Beyer und ich haben da sehr eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet, das heißt, er hat mich eigentlich bei allen Fragen miteinbezogen, sodass ich auch informiert war und Angelegenheiten hätte weiterführen können, wenn er gerade verhindert gewesen wäre; und zum Teil habe ich das dann auch gemacht.“ 

In dieser Zeit arbeitete Grave an seiner Habilitationsschrift zur Malerei des Quattrocento. Den Entschluss für diesen Schritt habe er in seiner Basler Zeit gefasst. Dort habe sich herauskristallisiert, dass die Umsetzung eines solchen zweiten Buchprojektes durchaus realistisch sei und er sich zunächst nicht weiter im Museumsbereich umschaue. Mit dem Wechsel nach Paris war zunächst die Frage offen, ob er das Thema weiterhin verfolgen würde. Schließlich biete Paris für andere Schwerpunkte ideale Ausgangsmöglichkeiten. Letztlich entschied er sich jedoch, seinen ursprünglichen Plan weiterzuverfolgen. Die Vereinbarkeit von Habilitation und beruflichen Aufgaben sei nicht immer einfach gewesen. „Es ist nicht unbedingt der Job, bei dem man sich darauf verlassen kann, dass man viel Zeit für die eigene Forschung hat. Das hat sich dann aber mit viel Disziplin irgendwie organisieren lassen, sodass es letztlich geklappt hat, die Habilitation fertigzustellen.“

Mit seiner 2011 eingereichten Arbeit zur Architekturdarstellung im Quattrocento habilitierte sich Grave 2012 an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel. Die Habilitation sei für ihn jedoch weit mehr gewesen als ein weiterer notwendiger Schritt Richtung Professur. „Das, was man da zwischenzeitlich an Disziplin aufbringen muss oder was ich aufbringen musste, hätte ich vermutlich nicht aufgebracht, wenn es nur um dieses eine Ziel gegangen wäre.“ Unverzichtbar sei daher eine intrinsische Motivation zur Beschäftigung mit der Fragestellung eines solchen Projekts.


2012 erhielt Grave eine Professur in Historische Bildwissenschaft/Kunstgeschichte an der Universität Bielefeld. Hier blieb er bis März 2019, und das „war für mich eigentlich eine sehr gute Chance. Eine erste Professur ist immer eine hervorragende Chance.“ Wenige Jahre später, 2015, wurde Grave auch eine Professur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf angeboten. Nach reiflicher Überlegung habe er sich aber für Bielefeld entschieden, weil er hier einen ganz neuen Studiengang Bild- und Kunstgeschichte aufbauen konnte. „Also wenn man mich 2009 gefragt hätte – im Jahr 2010 erfolgte, glaube ich, schon die Ausschreibung: Nennen Sie mir fünf Universitätsstädte, in denen Sie sicherlich nie arbeiten werden, dann wäre es nicht unwahrscheinlich gewesen, dass ich gesagt hätte: Bielefeld; denn dort gab es ja im Prinzip keine Kunstgeschichte.“ In seinen Jahren dort habe er eine kleine Kunstgeschichte aufbauen können, und „so hat sich diese am wenigsten wahrscheinliche Station eigentlich sehr gut und folgerichtig in den Werdegang eingefügt.“

 

Seit April 2019 ist er nun Professor für Neuere Kunstgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Der Wechsel nach Jena sei eine ganz bewusste Entscheidung gewesen. „Das erklärt sich daraus, dass sowohl die Stelle als auch das Umfeld einen sehr klaren Schwerpunkt auf die Zeit um 1800 setzen.“ – eines von Graves Forschungsgebieten. Bei Philosophischen Fakultäten oder Fachbereichen für Kulturwissenschaften wisse man häufig nicht so genau, in welche Richtung diese sich entwickeln würden. „Aber in Jena kann man sich ziemlich sicher sein, dass unabhängig davon, wie erfolgreich oder weniger erfolgreich die Fakultät sein wird, die Zeit um 1800 immer eine große Rolle spielen muss. Denn diese Epoche ist für die Geschichte der Universität äußerst wichtig ist, und die Universität hat auch über Jahre hinweg sehr viel Kompetenz in der Forschung über diese Zeit aufgebaut.“ An seiner Arbeit bereite ihm eigentlich fast alles Freude. Was ihm weniger gefalle? Dass es von allem immer zu viel ist. „Es dürfte nur eben alles ein bisschen weniger sein.“ Seinen Beruf empfinde er als ein unglaubliches Privileg. Auch heute gerate er noch so manches Mal ins Staunen darüber, wie alles so gekommen ist. 

 

Die verschiedenen Tätigkeiten in Graves Werdegang scheinen alle nahtlos ineinander übergriffen zu haben. Deshalb haben wir ihn gefragt, welche Rolle der Zufall oder Kontakte gespielt haben. Wissenschaft sei – auch wenn manche das nicht erwarten würden – ein stark soziales Geschehen, und somit würden Kontakte auch eine große Rolle spielen. Dennoch müsse man nicht nur um des Vernetzens willen Kontakte herstellen. Schließlich hätten diese vor allem in seiner Anfangszeit kaum Bedeutung gehabt. Das differiere aber natürlich von Station zu Station. Und die Sache mit den Zufällen? „Das Entscheidende ist vielleicht gar nicht so sehr, dass es die Zufälle gibt, sondern dass man sie ergreift – und dass man gelegentlich auch mal ins Risiko geht.“

 

Damit bedanken wir uns herzlich bei dem Univ.-Prof. Dr. Johannes Grave und wünschen ihm weiterhin viel Freude daran, weitere Gegenstandsbereiche in der Kunstgeschichte zu erforschen. 

- Annika Kurzhals, veröffentlicht am 30. April 2021