Walter Gehlen

Veranstalter und Besitzer eines Marktplatzes für Kunst

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Ein Rheinländer aus einer Ärztefamilie, der Künstler werden will wie Gerhard Richter und am Ende seine eigene Kunstmesse leitet - dürfen wir vorstellen: „Walter Gehlen hier.

In Düsseldorf aufgewachsen und zur Schule gegangen, war für Gehlen schon als Kind klar, dass er einmal ein Künstler sein möchte. 1986 gab es in der Düsseldorfer Kunsthalle eine Ausstellung zu Gerhard Richter: „Die Vielfalt und Konsequenz hat mich damals beeindruckt. Diese Ausstellung hat mich als 16-jähriger dazu inspiriert, Künstler werden zu wollen; mit Gerhard Richter als großem Vorbild.“ Die Vorstellung sei naiv gewesen, aber er habe dieses Ziel hartnäckig verfolgt und so bewarb er sich nach dem Abitur schließlich an der Düsseldorfer Kunstakademie für die Klasse Gerhard Richters. „Es war dieser eine Versuch“ und der wurde abgelehnt. Dass seine Fähigkeit, malen zu können, bei Weitem nicht dazu  ausreichte, Künstler zu werden, darüber lacht er heute noch herzlich. Doch für ihn stand fest: „Ich möchte mich mit Sachen beschäftigen, die mich interessieren und möglichst schnell herausfinden, was mich interessiert und was nicht. Und gehe diese Wege so lange, bis ich etwas gefunden habe, wo ich bleiben möchte.

Deshalb begann er nach diesem einen Versuch seinen Zivildienst in Köln in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung und auf der Infektionsstation, um auch ein Medizinstudium als weitere Option konkret ausschließen zu können. Dass dies nicht das Wahre gewesen sei und er nicht Arzt werden würde, das war ihm schnell klar. „Dann habe ich mich meiner anderen Leidenschaft der Kunst zugewendet.“ Entgegen eines zweiten praktischen Anlaufs entschied er sich diesmal aber für die theoretische Auseinandersetzung mit der Kunst und begann ein Studium der Kunstgeschichte in Köln. Auch hier konnte er sich nicht vorstellen zu bleiben. Nach dem Abbruch des Studiums trat er eine Reise durch Südostasien an. Nach sechs Monaten kehrte er zurück und beschloss, ein „lehrreiches, interessantes Studium abzuschließen. Einfach, um etwas zu machen, das nicht zwangsläufig in eine Richtung führt, sondern für ganz ganz viele Berufe den Weg offen hält.“ So kam es, dass er zurück in Köln ein Studium der Volkswirtschaftslehre begann und dabei blieb. Denn, „das ist ein tolles Studium, das ich jedem*r empfehle, der*die einfach verstehen will, was die Welt auf einer wirtschaftlichen Ebene zusammenhält.“ 

Seine aktuelle Tätigkeit, „Veranstalter und Besitzer eines Marktplatzes für Kunst“, vereint seine beiden größten Interessen, die Wirtschaft und die Kunst. Ebenso ist es um seine dritte Leidenschaft, das Reisen, bestellt, die ein essentieller Bestandteil seines Lebens, aber auch seiner Arbeit geworden sei.

Während seines Studiums absolvierte er für ein Jahr drei Terms an der Glasgow University. „Es gab viele, die hatten sich da über ein Stipendium hin beworben […], die haben dann nur 150 Euro Büchergeld gekriegt. Da habe ich mir gedacht, bevor ich mir den Stress mache […] gucke ich mal, ob ich das nicht privat hinbekomme.“ Zwischen Deutschland und Schottland gab es zu diesem Zeitpunkt ein Abkommen, dass die Studiengebühren nicht von den Studierenden getragen werden müssen. Gehlen schrieb sich demnach selbstständig ein und konnte sich später alle Kurse in Köln anerkennen lassen. Auch heute würde er eine solche Erfahrung befürworten. „Es ist immer gut, wenn man […] irgendwo anders lebt. Da bekommt man eine andere Sicht auf die Dinge und auf seine eigene Herkunft.“ Zudem halte er auch die Erweiterung der eigenen Sprachkenntnisse für sehr wichtig. 

 

Gehlen bringt in unserem Gespräch zum Ausdruck, dass er die Wahl des Studienganges allgemein nicht für entscheidend hält. Vielmehr sei es wichtig überhaupt ein Studium abzuschließen. „Dieser Abschluss dokumentiert nicht nur Wissen in irgendeiner Fachrichtung, sondern dokumentiert vor allen Dingen auch, dass man in der Lage ist, Wissen aufzunehmen, das strukturiert zu verarbeiten und bestimmte Techniken anwenden kann.“ Inhaltliche Aspekte „veralter[n] ja schneller als man bis drei zählen kann.“ Folglich seien die erlernten Grundkompetenzen eines Studiums wesentlich fundamentaler für den späteren Werdegang.

 

1998 absolvierte Gehlen sein Diplom und wollte zunächst in einer Unternehmensberatung tätig werden. „Da war klar, dass das eine Arbeit ist, die man ohne Probleme ein paar Jahre machen kann. Wo man sich aber auch nicht festlegt“. Dort bis zur Rente zu bleiben, war allerdings keineswegs eine Option. Er strebte nach mehr und wollte noch andere Wege begehen.
Aus einem Projekt in der Firma zum Thema Staatliche Lotterie, entwickelte er deshalb im Jahr 2000 mit seinem Freund und Kommilitonen Andreas Lohaus ein Internet-Start-up und startete eine Plattform für internationale Lotterie. Leider fand diese Idee nach einem Jahr ihr Ende. „Wir haben das letztlich nicht so an den Start bringen können, wie wir uns das gewünscht haben.“ Deshalb gründeten die beiden dann mit ihrem hierfür eigens angeeigneten Wissen eine Unternehmensberatung und arbeiteten darüber hinaus als Prokuristen für das Online Gaming Portal bwin. Die Arbeit erfüllte Gehlen einige Zeit, weil sie seine Kompetenzen, die er sich über die Jahre hinweg angeeignet hatte, heraus forderte. Es sei eine gewisse Goldgräberstimmung zu Beginn der 2000er und dieses Unternehmen ein abenteuerliches Unterfangen gewesen. „Es war ja nicht so, dass wir einen Schuhladen in Gelsenkirchen aufmachen wollten.“ Wenn er über diese Zeit spricht, merkt man seinen Enthusiasmus.

 

2003 las er durch Zufall einen Artikel über die New Yorker Kunstmesse Affordable Art Fair. Das Konzept dieser Messe und die damit einhergehende Demokratisierung der Kunst haben ihm sofort zugesagt und zugleich seine Motivation geweckt, so etwas auch im Rheinland auszutesten. Eine solche Kunstmesse biete den Zusammenschluss seiner Leidenschaften: „Ein wirtschaftliches Thema, das mit meiner anderen zweiten Leidenschaft der Kunst zu tun hat.“ Er begann diverse Messen zu besuchen. Dabei sei es wichtig gewesen, Fürsprecher für das eigene Konzept zu finden. Und als dann einige Aussteller Interesse an einer weiteren Messe bekundeten, rief Gehlen mit Lohaus die Kunstmesse ART.FAIR in Köln ins Leben. Zwei Monate nach der Ideenentwicklung seien auch bereits alle Messestände ausgebucht gewesen. „Wir hatten gar keine Ahnung vom Kunstmarkt. […] Und haben aber trotzdem angefangen, weil es uns Spaß gemacht hat und weil sofort eine gewisse Dynamik entstand“. Damals haben sie noch zu zweit die Messe organisiert. Gehlen übernahm die Finanzen, die Organisation und die Akquise und Lohaus das Marketing sowie die PR. Hilfreich sei für ihn damals sein wirtschaftliches Grundwissen gewesen. Insbesondere seine Fähigkeit Businesspläne aufzustellen, habe ihm in seinem Beruf immer geholfen. „Unsere Pläne haben wir immer auf den Punkt erfüllen können […] bis heute“.
Die ART.FAIR sollte Kunst der Öffentlichkeit zugänglich machen und Schwellen abbauen. Wie das funktionierte? Die Besuchszeiten wurden verlängert und es gab Musik: „Das war einfach eine Party.“ Dass dies nicht immer auf positive Resonanz stieß und ihnen auch deutlich negative Kritik einheimste, das könne er im Rückblick sehr gut nachvollziehen. „Aber letztendlich haben wir da etwas geschaffen, was damals im Markt keiner gemacht hat.

Es sei bei alldem nicht zwingend notwendig gewesen, viele Kontakte zu haben. Aber man müsse seinen Weg in seiner beruflichen Laufbahn finden und immer auch den Mut haben, fremde Personen anzusprechen. „Das ist wie im Studium: Man muss nicht alles auswendig können. Man muss nur wissen, wo es steht. Und das Gleiche gilt auch für Kontakte.“ 

 

2010 gründeten Gehlen und Lohaus zusätzlich die internationale Messe BLOOOM für konvergente Kunst und betteten diese in die ART.FAIR ein. Ziel sei es gewesen, auch künstlerische Randbereiche in den Fokus zu nehmen und die Übergänge von der bildenden Kunst in andere Bereiche der Kreativwirtschaft aufzuzeigen. Grund dafür war damals auch dass sich die Landesregierung NRW das Thema Kreativwirtschaft ganz oben auf die Agenda gesetzt habe und sie deshalb dachten, auch auf politischer Ebene Resonanz erzeugen zu können. Da dieses Programm jedoch kontrovers aufgenommen wurde und auch eine folgende Reduktion auf die wichtigsten Aspekte wiederum negative Stimmen mit sich führte, wurde diese Messe alsbald aufgegeben.

 

Im Jahr 2006 wurde Gehlen von dem Medienunternehmen Gruner+Jahr angefragt, ob er ein Messekonzept zu deren Themenbereich Kunst entwickeln könne. Das Ergebnis: die dc düsseldorf contemporary. Gehlen arbeitete dort als Direktor und künstlerischer Leiter. „Das war eine wunderschöne, hochkarätige Messe.“ Zwei Jahre später musste die Messe aus wirtschaftlichen Gründen Seiten des Verlags eingestellt werden. 

 

Und auch die ART.FAIR fand ein Ende, weil es sich für Gehlen nicht mehr richtig anfühlte. Es fehlte die Herausforderung. 2016 fand die letzte Ausgabe statt mit der Aussicht auf eine neue Messe in Düsseldorf: die Art Düsseldorf. „Dieser Ortswechsel, Locationwechsel und auch Konzeptwechsel war für mich eine tolle und wichtige Herausforderung.“ 

Was die Art Düsseldorf so besonders mache? Düsseldorf als Standort sei als Stadt ein toller Standort für eine Kunstmesse, es gebe hier viele tolle Sammler, die Verkehrsanbindung sei hervorragend. Zudem sei das Konzept zeitgemäß: klein, übersichtlich und mit einem hohen Durchschnittsniveau. Darüber hinaus sei die Messe internationaler und habe einen anderen Ausstellerkreis und eine größere Publikumsreichweite gegenüber vergleichbaren Messen. Die Konkurrenz zu anderen Messen, insbesondere im Rheinland, sei dabei für den Kunstmarkt durchaus zuträglich. „Ich sehe da überhaupt nichts Negatives.“ Dennoch könne sich Gehlen eine Kooperation mit einer anderen Messe vorstellen, wenn sich ein geeigneter Rahmen ergebe.

Als Geschäftsführer und Inhaber habe er dabei ganz differente Aufgaben inne. Dazu gehöre unter anderem, dass er stets den Kontakt zu Galerien halte, regelmäßig Ausstellungen besuche und ins Ausland reise, um auch dort vor Ort seine Messe zu bewerben. Welche Galerien dann schlussendlich auf der Messe ausstellen, das liege aber nicht in seiner Hand. Es gebe einen Zulassungsausschuss bestehend aus verschiedenen Galerien, die sich die diversen Bewerbungen anschauen und entscheiden, welche für die Art Düsseldorf von Mehrwert sei. 

Dass eine Kunstmesse ein Verkaufsevent sei, das könne man nicht von sich weisen. Eine solche Messe habe aber noch viele andere und vor allem wichtige Funktionen im Kunstmarkt. Die für den Verkauf inhaltliche Vermittlungsarbeit sei dabei unabdingbar. So werde beispielsweise zu Talks eingeladen, Führungen geplant und Publikationen veröffentlicht. „Da muss man eine Balance finden. […] Ich denke, es ist wichtig, dass man das immer klar herausarbeitet, dass es eine Verkaufsplattform ist und dass auch das Verkaufen der Kunst im Vordergrund steht und gleichzeitig aber Raum lässt, für den Diskurs.

Im Hinblick auf die aktuelle Corona-Pandemie führt Gehlen aus: „Corona ist eine existenzielle Krise für alle Veranstalter, aber natürlich auch für den Kunstmarkt und die Galerien.“ Für die Art Düsseldorf hoffe er demnach, dass ganz bald festgelegt werden könne, wann die Messe dieses Jahr stattfinden könne. Aktuell arbeite er daran, das Team so aufzustellen, dass die nächstbeste Gelegenheit genutzt werden könne, um die Messe zu starten. Eine Sorge bleibt: das Geld. Umso länger es dauere, desto mehr wächst der Druck, dass Anteilseigner, Banken und Förderer über Geld sprechen wollen, aber gleichzeitig noch kein Termin für den Start der Messe absehbar sei. Doch Gehlen scheint auch in solch einer Situation ruhig zu bleiben. „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich seit 2003 mal eine schlaflose Nacht hatte.“ Nur einmal pro Messe mache er eine Nacht durch, weil er arbeiten müsse. Sein Geheimrezept? Er schreibe sich am Ende des Tages, wenn sowieso niemand mehr erreichbar sei, alle offenen Themen auf eine Liste und hake es dann für diesen Tag ab. „Das muss man sich dann wie so ein Mantra sagen, dass man jetzt nichts mehr ändern kann und sich ab morgen […] dann darum wieder kümmert. Und nicht in der Zwischenzeit darüber nachgrübelt“.

 

Studierenden, die in seine Fußstapfen treten wollen und sich einen Beruf als Messeveranstalter*in vorstellen können, denen rät er ein Studium abzuschließen, dass sie begeistere und einfach mal ein Praktikum bei der Art Düsseldorf zu machen. 

 

Wir bedanken uns bei Walter Gehlen für das interessante Gespräch und wünschen ihm, dass er in Zukunft noch viele seiner Ideen in Projekten realisieren kann.

- Hannah Steinmetz, veröffentlicht am 05. März 2021